Nieren- und Blasenkrebs: Neuer Therapieansatz in der Immunonkologie erwartet

Eine Tumorerkrankung mit dem eigenen Immunsystem angreifen? Genau dieser Mechanismus wird durch verschiedene neue Substanzen aus dem Bereich der „Immunonkologie“ verfolgt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Therapieansätzen, wie der Chemotherapie, bei denen der Tumor direktes Ziel des Wirkstoffes ist, funktionieren die Immunonkologika über eine verstärkte Immunantwort und die daraus resultierende anti-tumoröse Wirkung der körpereigenen Abwehr.

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„Dieser Mechanismus greift auch bei urologischen Tumoren und wird die Therapievielfalt beim metastasierten Nierenzellkarzinom und beim metastasierten Harnblasenkarzinom in Kürze erweitern“, sagt Prof. Dr. Christian Wülfing, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) angesichts der bevorstehenden Zulassung neuer Wirkstoffe in der uroonkologischen Immuntherapie. Jährlich erkranken laut Statistik des Robert Koch-Instituts in Deutschland rund 15 000 Männer und Frauen neu an Nierenkrebs und etwa 29 000 an Blasenkrebs.

Prof. Dr. Christian Wülfing Prof. Dr. Christian Wülfing, Urologie, Asklepios Klinik Altona

Schlüssel für den Fortschritt im Kampf gegen Krebs sind die „T-Zellen“. Prof. Wülfing: „Die körpereigenen zytotoxischen T-Zellen, die in der Lage sind, körperfremde Zellen – auch Tumorzellen – zu erkennen und zu zerstören, werden durch ein komplexes Zusammenspiel bestimmter aktivierender und hemmender Signale gesteuert. Diese sogenannten Immun-Checkpoints steuern die Zerstörung von fremden Zellen, verhindern dabei aber eine dauerhafte Immunantwort und somit eine Schädigung gesunden Gewebes. Die wichtigsten Regulatoren in diesem Zusammenspiel sind die PD-1-/PD-L1- und die CTLA-4 Signalwege, die in den letzten Jahren in den Fokus der pharmakologisch-onkologischen Forschung kamen.“ Verschiedene neue Wirkstoffe, die diese Signalwege anzielen, konnten synthetisiert und in klinische Studien eingebracht werden.

Zwei dieser neuen Substanzen zeigen in aktuellen Studien ein deutlich verlängertes Überleben für Patienten mit metastasiertem Nierenzellkarzinom (mNZK) und für Patienten mit metastasiertem Harnblasenkarzinom. Der Wirkstoff Nivolumab wurde in einer randomisierten Phase-III Studie zur Zweitlinientherapie des mNZK (Nivolumab versus Everolimus in Advanced Renal-Cell Carcinoma, Robert J. Motzer et al.) getestet. Insgesamt 821 Patienten wurden in den Nivolumab- oder Everolimus-Therapiearm randomisiert. Es fand sich ein Gesamtüberleben von 25,0 versus 19,6 Monaten, was einer 23%igen Verringerung des Sterberisikos entsprach.
Beim metastasierten Harnblasenkarzinom wurde die Substanz Atezolizumab in einer Phase-II Studie getestet, die zuletzt im Januar 2016 in San Francisco vorgestellt wurde (IMvigor 210, a phase II trial of atezolizumab (MPDL3280A) in platinum-treated locally advanced or metastatic urothelial carcinoma (mUC)). Hier konnten 310 Patienten eingeschlossen und im Sinne einer Zweitlinientherapie nach Cisplatin-Therapieversagen behandelt werden. Abhängig von der PD-L1-Expression im Tumorgewebe konnte ein objektives Ansprechen in bis zu 26% und ein Überleben von bis zu 11.4 Monaten erzielt werden.

„Erfreulicherweise gingen die Behandlungen mit diesen innovativen Substanzen insgesamt mit einem sehr günstigen Toxizitätsprofil einher“, sagt der DGU-Pressesprecher. So scheinen die Wirkstoffe nur sehr selten höhergradige Nebenwirkungen auszulösen. Selten scheint auch mit immunvermittelten Nebenwirkungen wie Durchfall und Bauchkrämpfen oder Störungen der Hormonproduktion und -regulation zu rechnen zu sein, deren Behandlung, laut Prof. Wülfing, geschult erfolgen müsse.

Während Atezolizumab zunächst in einem klinischen Studienprogramm weiter verfolgt und derzeit in einer Phase-III Studie zur unterstützenden Therapie nach Entfernung der Harnblase (adjuvante Therapie) getestet wird, ist der klinische Einsatz von Nivolumab zur Immuntherapie beim metastasierten Nierenzellkarzinom in Deutschland in Kürze zu erwarten. Prof. Wülfing: „Nachdem die amerikanische Zulassungsbehörde FDA aufgrund der dargestellten Studienergebnisse Nivolumab Ende 2015 die Marktfreigabe für die Indikation fortgeschrittenes Nierenzellkarzinom erteilt hat, ist in den nächsten Monaten mit der europäischen Zulassung zu rechnen.“ Ein wichtiger Schritt dahin ist getan: Aktuell hat der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) die Indikationserweiterung empfohlen. Die Empfehlung wird nun von der Europäischen Kommission, die über die Zulassung von Arzneimitteln in den Mitgliedsstaaten entscheidet, geprüft. Nivolumab ist bereits bei metastasiertem Lungen- und Hautkrebs zugelassen.

„Im nächsten Schritt geht es um die Frage nach der besten Therapiesequenz in der Uroonkologie, das heißt der individuell optimalen Anwendung des neuen Wirkstoffs“, sagt DGU- und Kongresspräsident Prof. Dr. Kurt Miller und verweist auf den 68. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. vom 28. September bis 1. Oktober 2016 in Leipzig, wo die Immuntherapie des mNZK zu den vielversprechendsten wissenschaftlichen Themen zählt.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU e.V.)

Darmkrebs-Therapie: Vermeidung von Resistenzen

Krebszellen teilen sich häufig und machen dabei auch noch besonders viele Fehler. Mit fatalen Folgen: Tumore wachsen, breiten sich im Körper aus und können Resistenzen gegen Therapeutika ausbilden. Wissenschaftler aus Göttingen wollen nun mit Unterstützung der Deutschen Krebshilfe Strategien entwickeln, um dies beim Darmkrebs gezielt zu vermeiden.Darmkrebstherapie_Resistenzen vermeiden_Qok

Unser Erbgut liegt in jeder Körperzelle doppelt vor. Teilt sich eine Zelle, dann wird es gleichmäßig auf die beiden entstehenden Tochterzellen übertragen. Doch bei der Zellteilung können Fehler auftreten. Bei Krebszellen kommen diese Fehler besonders häufig vor. So werden etwa die beiden Chromosomensätze, die Erbgutträger, oft nicht gleichmäßig auf die Tochterzellen verteilt und die neue Generation an Zellen bringt zahlreiche Varianten hervor, die sich in ihrer genetischen Ausstattung voneinander unterscheiden. Dadurch können auch Varianten entstehen, die sich der Behandlung entziehen. Die Folge: Der Tumor kann lebensbedrohliche Resistenzen gegen Therapeutika entwickeln.

Warum gerade bei Krebszellen die Teilung so fehlerbehaftet ist, darüber ist noch nicht viel bekannt. Wissenschaftler der Universitätsmedizin Göttingen wollen dies nun beim Darmkrebs genauer untersuchen. „Erst wenn die zugrunde liegenden Mechanismen bekannt sind, die bei der Krebstherapie zu gefährlichen Resistenzen führen, können diese gezielt unterdrückt werden. Für die Entwicklung optimierter und zuverlässiger Behandlungsstrategien bei Darmkrebs erhoffen wir uns hiervon sehr viel“, erklärt Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe.

Der Projektleiter, Professor Dr. Holger Bastians vom Institut für Molekulare Onkologie der Universitätsmedizin Göttingen und vom Göttinger Zentrum für Molekulare Biowissenschaften, und sein Team haben in Vorarbeiten vor kurzem einen Mechanismus identifiziert, der eine zentrale Rolle bei der hohen Anpassungsfähigkeit von Darmkrebszellen spielt: das Mikrotubulisystem. Dies ist ein Gerüst innerhalb der Zellen, das analog zu einem Schienennetz den Weg für die Chromosomensätze bei der Zellteilung vorgibt. „Das System ist in Zellen normalerweise hoch dynamisch und sehr gut reguliert, da es häufig umstrukturiert werden muss. In Darmkrebszellen jedoch läuft die Dynamik der Mikrotubuli aus dem Ruder. Sie sind auffallend flexibler als gesunde Zellen, was die Fehlverteilung der Chromosomen auf die Tochterzellen bedingt“, erklärt Bastians.

Der Wissenschaftler und sein Team wollen dies im Rahmen des von der Deutschen Krebshilfe geförderten Projektes nun genauer untersuchen. Ihr Ziel ist es, die ungleiche Verteilung der Chromosomen bei der Zellteilung gezielt zu unterdrücken. „Wenn wir es schaffen, die hohe Anpassungsfähigkeit von Darmkrebszellen einzudämmen, können wir Therapieresistenzen besser verhindern und Metastasierungen möglicherweise begrenzen“, beschreibt Bastians das Ziel des Projektes.

Hintergrundinformation: Darmkrebstherapie

Darmkrebs (Kolonkarzinom) ist die dritthäufigste Krebserkrankung in Deutschland. 33.400 Männer und 27.600 Frauen erkranken jedes Jahr neu daran (Robert Koch Institut 2015). Damit betrifft rund jede achte Krebserkrankung in Deutschland den Darm. Darmkrebs umfasst Krebserkrankungen des Dickdarms (Kolon), des Enddarms (Mastdarm/Rektum) und des Darmausgangs (Anus).

In den meisten Fällen wird der Tumor operiert. Bei manchen Patienten wird der chirurgische Eingriff mit einer Chemotherapie kombiniert. Auch die Kombination von Chemo- und Immuntherapie wird mittlerweile zur Darmkrebsbehandlung angewendet.

Quelle: Stiftung Deutsche Krebshilfe

DKK 2016: Verdrängungswettbewerb zu Lasten der Patienten

Der Berufsverband der Hämatologen und Onkologen (BNHO) weist erneut darauf hin, dass durch die zunehmende wettbewerbliche Orientierung der Leistungsanbieter sich immer mehr Onkologen im Spannungsfeld zwischen ärztlichem Selbstverständnis und harten wirtschaftlichen Zwängen befinden. Krebspatienten erwarten von ihren behandelnden Ärzten zurecht, dass therapeutische Entscheidungen nicht von ökonomischen Interessen beeinflusst werden. Um die patientenorientierte onkologische Versorgung in Deutschland zu erhalten, dürfen Kostendiskussionen ärztliches Handeln nicht überlagern. Und es müssen patientenorientierte – und nicht marktorientierte – Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Schmitz_BNHO Prof. Dr. Stephan Schmitz, Onkologe, Köln

“Der Krebspatient möchte nicht Teil einer Wertschöpfungskette sein. Er erwartet vielmehr eine Versorgung, die sowohl seine qualitativen als auch seine emotionalen und sozialen Ansprüche vollumfänglich erfüllt”, betonte der Vorsitzende des Berufsverbands der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland – BNHO e.V., Prof. Stephan Schmitz, beim 32. Deutschen Krebskongress in Berlin. Zu einer patientenorientierten Versorgung gehören Schmitz zufolge höchste fachliche Kompetenz, aber auch die Bereitschaft, sich für die Patienten Zeit zu nehmen, ihnen über teilweise viele Jahre als konstanter Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen und die oft komplexe onkologische Versorgung über die reine onkologische Therapie hinaus zu koordinieren.

Bei einem BNHO-Symposium im Rahmen des Deutschen Krebskongresses diskutierten Onkologen, Versorgungsforscher und Medizinethiker, inwieweit die derzeit im deutschen Gesundheitswesen zu beobachtenden strukturellen Veränderungen die Ansprüche an eine patientenorientierte Versorgung auf Dauer erfüllen können. Bisher wird ein erheblicher Teil der onkologischen Patienten, über 600.000 pro Jahr, wohnortnah in hämatologisch-onkologischen Schwerpunktpraxen versorgt. Seit einigen Jahren drängen aber auch die Krankenhäuser verstärkt in die ambulante onkologische Versorgung. “Das führt leider vielerorts nicht zu einem Wettbewerb um mehr Qualität, sondern zu profitorientierten Versorgungsstrukturen, bei denen der Patient nur eine Nebenrolle einnimmt”, so Schmitz.

Klare Wettbewerbsnachteile für freiberufliche Krebsspezialisten
Ein Kernproblem dabei ist, dass die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen einen fairen Wettbewerb zwischen freiberuflichem Onkologen und Krankenhaus verhindern. Deutlich wird das in einer neuen, vom BNHO beauftragten Studie zur wettbewerblichen Analyse der ambulanten onkologischen Versorgung. Studienleiter Prof. Justus Haucap stellte die wichtigsten Ergebnisse dieser Untersuchung in Berlin vor. Demnach hätten die freiberuflichen, niedergelassenen Onkologen im derzeitigen Versorgungssystem ganz erhebliche Wettbewerbsnachteile im Vergleich zu den Krankenhäusern.

Warnung vor immer stärkerer Industrialisierung der Versorgung
Auf den mittlerweile unübersehbaren Trend zu einer Mengenausweitung weist seit Jahren der Medizinethiker Prof. Giovanni Maio aus Freiburg hin. Beim BNHO-Symposium in Berlin warnte er vor eine Industrialisierung der Krankenversorgung, bei der die eigentliche Leistung des Arztes nicht abgebildet werde und der Patient daher als Person vor lauter diagnostischem und therapeutischem Aktionismus aus dem Blick gerät.

Mittelständisch geprägte Versorgungsstrukturen mit niedergelassenen Fachärzten, die nah am Alltag der Patienten sind, wirken einer Industrialisierung der Medizin entgegen, betonte Dr. Walter Baumann vom Wissenschaftlichen Institut der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (WINHO) in Köln. Es müssten tragfähige Kooperationsstrukturen geschaffen werden, die ein faires Nebeneinander der Versorgungsebenen ermöglichen, statt einem Verdrängungswettbewerb und einer lokalen Monopolbildung Vorschub zu leisten, die letztlich zulasten des Patienten gehe.

Quelle: BNHO Berufsverband der niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland

DKK 2016 – Krankheitsbewältigung: Neue Patientenleitlinie zur Psychoonkologie

Der Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe e.V. (BPS) weist auf eine neue Behandlungsleitlinie zur Psychoonkologie hin, die von der Stiftung Deutsche Krebshilfe und medizinischen Fachgesellschaften gemeinsam mit Patientenvertretern entwickelt wurde.

Patientenleitlinie_Psychoonkologie

Download der Patientenleitlinie

Im Rahmen des laufenden 32. Deutschen Krebskongresses in Berlin ist die neue Patienten-Leitlinie „Psychoonkologie – Psychosoziale Unterstützung für Krebspatienten und Angehörige“ erschienen. Die Empfehlung beruht auf der bereits bestehenden Handlungsempfehlung der ärztlichen S3-Leitlinie “Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten” des Leitlinienprogramms Onkologie und damit auf dem besten derzeit verfügbaren medizinischen Wissen. „In dem Zusammenhang wünschen wir uns sehr, dass die Ärzte die neue Empfehlung umsetzen“, so Joachim Böckmann, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Prostatakrebs Selbsthilfe e.V. (BPS) und Vorsitzender des BPS-Arbeitskreises „Psychoonkologie“ am Freitag in Berlin.

Die Diagnose Krebs verändert das Leben von Patienten und deren Angehörigen. Oftmals sind nicht körperliche sondern seelische und soziale Belastungen die Folge. Hier setzt die Psychoonkologie an, sie hilft Patienten, mit den vielfältigen Veränderungen besser umgehen zu können.

Eine weitere Besonderheit? Die Patientenbroschüre ist in einer laienverständlichen Sprache geschrieben. „Dies ist äußerst wichtig für Patienten und Angehörige. Fachbegriffe sind bei Medizinern an der Tagesordnung, führen aber oft zur Verunsicherung bei Patienten. Dies ist nun vorüber“, so Böckmann weiter. Die neue Patienten-Leitlinie wurde von der Stiftung Deutsche Krebshilfe (DKH), der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) und von den Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) finanziert und gemeinsam mit Patientenvertretern in den vergangenen zwei Jahren entwickelt. Der BPS war an der Erarbeitung intensiv beteiligt. „Wir sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

Gerade viele Männer tun sich mit ihrer Psyche recht schwer! Diese Leitlinie hilft, Ängste und bekannte Zurückhaltung der Männer ein wenig zu überwinden“, so BPS-Vertreter und Mitglied der Arbeitsgruppe Berthold Isele. Ursula Reitberger vom BPS-Arbeitskreis „Frauen“ kommentierte vergangenes Jahr die Konsultationsfassung, sie wünscht sich: „Die Bedeutung der Psychoonkologie sollte an Wert gewinnen, sowohl in der Öffentlichkeit, als auch innerhalb der Ärzteschaft. Es wäre schön, wenn die neue Patientenversion dazu beitragen könnte.“

Quelle: Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe e.V. – BPS

DKK 2016: Der informierte Patient – Individuell beraten, gemeinsam entscheiden

Die Patientenorientierung stärken: Das fordern Experten im Rahmen des Nationalen Krebsplans des Bundesministeriums für Gesundheit als ein wichtiges Handlungsfeld. Ziel dabei ist es, Krebspatienten und ihre individuellen Bedürfnisse in wichtige medizinische Entscheidungen einzubinden. „Die Basis dafür ist ein gutes und für Patienten und Angehörige verständliches Informationsangebot“, erklärte Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe, heute in einer Pressekonferenz auf dem Deutschen Krebskongress 2016 in Berlin.
Nationaler Krebsplan

Broschüre als download beim Bundesgesundheitsministerium: “Nationaler Krebsplan” :

Um Betroffene in Deutschland bestmöglich zu unterstützen, hat die Deutsche Krebshilfe ihren telefonischen Beratungsdienst modernisiert. Seit Oktober 2014 können Ratsuchende die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des INFONETZ KREBS kontaktieren. Die kostenfreie Beratung beruht dabei auf einer Datenbank nach aktuellem Stand der Medizin und Wissenschaft, die in Zusammenarbeit mit der Deutschen Krebsgesellschaft entwickelt wurde. „Im vergangenen Jahr haben die Beraterinnen und Berater des INFONETZ KREBS insgesamt rund 10.000 Gespräche geführt und schriftliche Anfragen beantwortet. Eine Zahl, die uns den großen Informationsbedarf nochmal eindrucksvoll bestätigt und uns außerdem zeigt, welch großes Vertrauen Betroffene in Deutschland dem INFONETZ KREBS entgegenbringen“, so Nettekoven.

Für viele Betroffene ist das Internet häufig das erste Recherchemittel. Es hält jedoch eine wahre Flut an Informationen bereit, und nur schwer lässt sich zwischen seriösen und interessengesteuerten Aussagen unterscheiden. „Schon auf der ersten Seite der Suchmaschine tauchen außerdem alle Reiz- und Schreckenswörter auf“, beschreibt Andrea Hahne, Vorstandsvorsitzende vom BRCA-Netzwerk – Hilfe bei Familiärem Brust- und Eierstockkrebs, die Situation aus der Sicht einer Betroffenen. Als kompetente Ansprechpartner nennt sie in diesem Zusammenhang auch die Krebsselbsthilfe-Organisationen, die bei der Beratung auf eigene Erfahrungen zurückgreifen und damit authentisch berichten können.

Für die behandelnden Ärzte auf der anderen Seite besteht eine besondere Herausforderung darin, statistische Zusammenhänge zu erfassen und ihren Patienten zu vermitteln. Aussagen wie „Die relative Überlebensrate liegt bei 57 %“ oder „Die Rezidivwahrscheinlichkeit beträgt 12 %“ können Patienten nur schwer einordnen. Selbst für Ärzte sind statistische Angaben mitunter schwer abzuwägen. „Mangelndes Verständnis für Statistik kann aber leicht zu falschen Entscheidungen führen“, erklärte Professor Dr. Gerd Gigerenzer, Direktor des Harding Zentrums für Risikokompetenz und des Forschungsbereichs Adaptives Verhalten und Kognition am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Eine fundierte statistische Ausbildung von Medizinstudenten und bereits praktizierenden Ärzten sei daher dringend erforderlich.

Zu wenig Zeit für den einzelnen Patienten auf Seiten der Ärzte und der Pflege, häufig wechselnde Behandler und mangelnde Teamkommunikation behindern aktuell den Prozess des gemeinsamen Entscheidens. Dies stellte Dr. Isabelle Scholl vom Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf in einer Studie fest. „Nur selten werden Therapieentscheidungen heute gemeinsam von Arzt und Patient getroffen“, erklärte Scholl. Um dieses Problem anzugehen, hat sie ein Programm entwickelt, das helfen soll, die gemeinsame Entscheidungsfindung in den medizinischen Alltag zu integrieren.

Krebs ist eine Erkrankung, die überwiegend im höheren Alter auftritt. Ältere Patienten haben oft eine Vielzahl von Gesundheitsproblemen und Funktionseinschränkungen, die eine entsprechende Unterstützung notwendig machen. „Die ohnehin schwierige Aufklärung eines Patienten über Diagnose und Therapieoptionen bei einer Krebserkrankung wird oft zusätzlich durch kognitive Einschränkungen des Patienten und die Notwendigkeit der Aufklärung von Angehörigen erschwert“, erklärte Prof. Dr. Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Geriaterin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. „Wir brauchen eine vertrauensvolle fächerübergreifende Zusammenarbeit der Onkologie, Palliativmedizin und Geriatrie, um die Herausforderungen bei älteren onkologischen Patienten zu meistern und optimal behandeln zu können.“

Quelle: Deutscher Krebskongress 2016 – Veranstalter: Stiftung Deutsche Krebshilfe / Deutsche Krebsgesellschaft e.V.

DKK 2016: Krebsprävention: Vernachlässigter Bereich unseres Gesundheitswesens?

Krebsprävention und Krebsfrüherkennung sind die wichtigste Basis für ein Leben ohne Krebs. Angesichts steigender Neuerkrankungszahlen müsse in Deutschland jedoch deutlich mehr als bislang in diesen Bereichen getan werden, so das Experten-Fazit auf einer Pressekonferenz anlässlich des Deutschen Krebskongresses 2016. Auf der Veranstaltung wurden aktuelle Erkenntnisse aus der Präventionsforschung vorgestellt und Maßnahmen aus dem Bereich der Primärprävention, der Früherkennung und der Prähabilitation diskutiert.

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„Wir haben mittlerweile Belege dafür, dass eine nachhaltige Änderung des Lebensstils tatsächlich etwas bringt. Wer zum Beispiel mit dem Rauchen aufhört oder bei einem Body-Mass-Index von mehr als 30 sein Gewicht reduziert, der kann auch tatsächlich sein Krebsrisiko senken“, erklärte Prof. Dr. Olaf Ortmann, Mitglied des Vorstands der Deutschen Krebsgesellschaft auf der Veranstaltung. Jetzt gehe es vor allem darum, die entsprechenden Umsetzungsmaßnahmen zu formulieren, sowohl für die Aufklärung der Bevölkerung als auch zur Risikovermeidung. „Leider wissen wir zu wenig darüber, wie wir große Bevölkerungsgruppen nachhaltig zur Vermeidung von Risiken motivieren und dabei unterstützen können. Hier ist deutlich mehr wissenschaftliche Forschung notwendig“, so Ortmann.

Für strukturierte und qualitätskontrollierte Konzepte zur risikoadaptierten Prävention bei erblich bedingten Krebserkrankungen plädierte Prof. Dr. Rita Schmutzler, Direktorin des Zentrums Familiärer Brust- und Eierstockkrebs in Köln. Schätzungsweise bei einem Drittel aller Brust-, Darm- und Prostatakrebserkrankungen sind genetische Risikofaktoren im Spiel. Bis vor kurzem waren nur einige Hochrisikogene wie BRCA1 und BRCA2 bekannt, die jedoch nur einen Teil dieser erblich bedingten Fälle erklären. Mit den neuen technischen Möglichkeiten der genomweiten Analyse werden gegenwärtig eine Reihe weiterer Risikogene identifiziert, die in Zukunft eine präzisere und individuelle Risikoberechnung ermöglichen werden. Dies betrifft nicht nur das Erkrankungsrisiko, sondern auch Informationen über den spezifischen Tumorsubtyp. Prinzipiell kann dadurch die Effektivität von Früherkennungsprogrammen, wie z. B. das Mammographiescreening deutlich verbessert werden. Doch bei welchem Risiko oder Tumorsubtyp sind welche klinischen Maßnahmen nötig? Für welche Patientin kommt wann welche Früherkennung infrage? Schmutzler: „Angesichts dieser komplexen Fragen brauchen wir eine qualitätsgesicherte Gendiagnostik, die den Bogen vom Labor bis in die Klinik spannt und sich auf aussagekräftige Studien stützt. Die Grundvoraussetzung dafür sind neu zu errichtende Register zu familiären Tumorerkrankungen, um die Effektivität unserer Präventionsmaßnahmen bei erblichen Krebserkrankungen zu erfassen und kontinuierlich zu messen.“

Wie wichtig es ist, Früherkennungsmaßnahmen durch Forschung zu begleiten, zeigen die Studien von Prof. Dr. Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Brenner, der Preisträger des Darmkrebs-Präventionspreises 2015, untersucht die Wirksamkeit der Darmkrebsfrüherkennung seit mehr als zehn Jahren. Durch seine Untersuchungen konnte er z. B. zeigen, dass bis zu 90 Prozent der Darmkrebsfälle durch eine Vorsorge-Koloskopie verhütet werden könnten und das Darmkrebsrisiko nach einer Vorsorgekoloskopie ohne auffälligen Befund über mehr als zehn Jahre sehr niedrig ist. Dieses Ergebnis unterstützt die derzeitige Praxis eines Zehn-Jahres-Intervalls bei der Vorsorge-Koloskopie. Trotz dieser Bestätigung ist die Akzeptanz für die Vorsorge-Koloskopie in der Bevölkerung nach wie vor niedrig. Deshalb gehe es vor allem darum, organisierte Einladungsverfahren zu implementieren, in denen die berechtigten Versicherungsnehmer individuell angesprochen und über die verfügbaren Screeningverfahren aufgeklärt werden. „Außerdem müssen neue Methoden evaluiert werden, die die Akzeptanz des Screenings in der Bevölkerung erhöhen“, so Brenner.

Anders als beim Darmkrebs gibt es beim Lungenkrebs bislang noch kein geeignetes Screeningverfahren. Einer amerikanischen Studie zufolge kann zwar eine jährliche Mehrschicht-Computertomographie (MSCT) die Lungenkrebs-Sterblichkeit bei starken Rauchern um 20 Prozent senken. Doch die Rate falsch positiver Ergebnisse ist hoch, d. h. manche Teilnehmer müssen wieder einbestellt werden, um verdächtige Befunde zu überprüfen, die sich dann gar nicht als Lungenkrebs herausstellen. Die Ergebnisse der LUSI-Studie, einer randomisierten kontrollierten Studie mit mehr als 4.000 Teilnehmern, zeigen, dass der falsche Alarm ab der zweiten Screening-Runde unter bestimmten Bedingungen abnehmen kann. „Verdächtige Befunde im ersten CT, die sich in der darauffolgenden Untersuchung nicht verändert haben, sind offensichtlich keine Krebsherde. Eine erneute Abklärung ist deshalb nicht mehr notwendig“, erklärt LUSI-Studienleiter Prof. Dr. Nikolaus Becker vom DKFZ Heidelberg. Allerdings gehen die „falschen Alarme“ nur zurück, wenn die Vorbefunde früherer Screeningrunden für diese Beurteilung vorliegen, ein Lungenkrebs-Screening also als „organisiertes Screening“ durchgeführt würde. Die Endauswertung von LUSI und anderen europäischen Studien zur Lungenkrebsfrüherkennung ist für die nächsten ein bis zwei Jahre geplant.

Vorbeugen hilft möglicherweise auch dann noch, wenn der Krebs schon diagnostiziert ist, so PD Dr. Freerk Baumann von der Sporthochschule Köln. Dieses junge Forschungsfeld wird unter dem Begriff Prähabilitation zusammengefasst und steht für das Verbinden von Prävention und Rehabilitation. Das Konzept: Eine rechtzeitige bewegungstherapeutische Intervention unmittelbar nach der Krebsdiagnose soll die Patienten körperlich auf die Therapiephase vorbereiten. Nach dem Motto „Fit für die Krebsbehandlung“ wollen die Wissenschaftler so möglichen Komplikationen und Nebenwirkungen vorbeugen. „Erste Daten zeigen, dass die Prähabilitation nicht nur die Nebenwirkungen der Krebsmedikamente verhindert, sondern auch die Therapiedosierung während der Behandlung beibehalten werden kann. Außerdem lassen sich Krankenhaustage reduzieren“, betonte Baumann.

Quelle: Deutscher Krebskongress DKK 2016

DKK 2016: Niedergelassene Hämatologen und Onkologen warnen vor “Rationierung durch die Hintertür”

Der Berufsverband warnt vor einem Angriff auf die Therapiefreiheit zu Lasten der Krebspatienten

Bei der medikamentösen Versorgung von Krebspatienten in Deutschland wird seit Neuestem versucht, wirksame Therapien gezielt von der Erstattung durch die Gesetzliche Krankenversicherung auszunehmen. Anlässlich des Deutschen Krebskongresses warnt der Berufsverband der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland – BNHO e. V. vor dieser „Rationierung durch die Hintertür“.

Rationierung durch die Hintertür

Mit dem so genannten AMNOG-Verfahren wurde in Deutschland vor fünf Jahren ein neues Bewertungsverfahren für innovative Arzneimittel eingeführt, bei dem nach der arzneimittelrechtlichen Zulassung der Patientennutzen im Rahmen einer „frühen Nutzenbewertung“ noch einmal separat abgeschätzt wird. Das Ergebnis der frühen Nutzenbewertung bildet die Grundlage für Preisverhandlungen bzw. Rabattverträge zwischen den pharmazeutischen Unternehmen und den Krankenkassen: Je höher der Zusatznutzen, umso besser ist der Preis, den der Hersteller für sein Medikament im
GKV-System erzielen kann. So weit, so fair. „Mittlerweile ist aber zu beobachten, dass das als Instrument der Preisfindung zwischen Industrie und GKV entwickelte AMNOG-Verfahren dafür missbraucht wird, die Erstattung wirksamer Medikamente bei Krebspatienten einzuschränken und damit in die Therapiefreiheit des Arztes fundamental und unzulässig einzugreifen“, betonte der BNHO-Vorsitzende Prof. Dr. Stephan Schmitz. Hoch wirksame Krebsmedikamente sollen nur noch Krebspatienten zu Lasten der GKV verordnet werden dürfen, bei denen das AMNOG-Verfahren einen Zusatznutzen gegenüber (kostengünstigeren) Vergleichstherapien bescheinigt hat. Damit wäre ein
Medikament ohne Zusatznutzen bei Patienten trotz nachgewiesener Wirksamkeit nicht verordnungsfähig.

Konkret enthält beispielsweise die Arzneimittelvereinbarung zwischen der KV Bayern und bayerischen Krankenkassen einen Passus, wonach „Arzneimittel, bei denen der Gemeinsame Bundesausschuss einen Zusatznutzen festgestellt hat, […] grundsätzlich nur in den Anwendungsgebieten mit Zusatznutzen verordnet“ werden sollen. „Damit wird versucht, in die Therapiekompetenz des Arztes einzugreifen und aus Kostengründen unter dem Mantel einer ‚wirtschaftlichen Verordnung’ Krebspatienten wirksame Medikamente vorzuenthalten. Hier liegt ganz klar eine nicht zulässige Rationierung vor, die die Versorgung verschlechtern und letztlich Leben kosten kann“, betonte Dr. Robert Dengler, der die bayerischen Verhältnisse als Geschäftsführer des BNHO Bayern und aus seiner hämatologisch-onkologischen Schwerpunktpraxis in Regensburg aus erster Hand kennt.

Der BNHO möchte den Deutschen Krebskongress 2016 nutzen, um mit Nachdruck vor dieser gefährlichen Entwicklung zu warnen. Bei einem Kongresssymposium unter dem gemeinsamen Vorsitz des BNHO und der Deutschen Krebsgesellschaft wurde das Thema unter anderem mit Vertretern der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns und auch der Kostenträger diskutiert. „Es gab Anfang des Jahrtausends im Zusammenhang mit dem Off-Label-Use schon einmal den Versuch, die Verordnung wirksamer Medikamente einzuschränken. Das ist damals zurecht gescheitert. Wir müssen das jetzt
nicht unter anderen Vorzeichen wiederholen“, so Schmitz.

Für die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns betonte Johann Fischaleck, dass das AMONG weder den Stellenwert neuer Arzneimittel innerhalb des medizinischen Standards noch innerhalb der Leitlinien festlege: „Dies müssen die Fachgesellschaften leisten“, so Fischaleck. Seien zwei Interventionen medizinisch vergleichbar, müsse allerdings die kostengünstigere eingesetzt werden.

Der BNHO schließt sich dieser Auffassung im Prinzip an, verwahrt sich aber dagegen, dass Medikamente nur wegen eines nicht nachgewiesenen Zusatznutzens aus der Erstattung genommen werden. Auch ohne Nachweis eines Zusatznutzens handelt es sich um hoch wirksame, arzneimittelrechtlich zugelassene Medikamente. „Gerade bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen ist es häufig notwendig, dass es verschiedene wirksame Medikamente für die Patienten gibt, die in Kombination oder sequenziell eingesetzt werden können. Nur so erreiche man eine lange Tumorrückbildung (Remission). Krebsmedikamente wirken am Anfang häufig sehr gut, dann entwickeln sich aber Resistenzen, und man braucht ein weiteres Medikament – ein wirksames Medikament und nicht nur ein Medikament, das im AMNOG-Verfahren einen Zusatznutzen gezeigt hat“, betonte Schmitz. „Die Entscheidung über diese patientenindividuelle Therapie muss auch in Zukunft allein beim Arzt liegen.“

Quelle: Berufsverband der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland – BNHO e.V.

Moderne Krebsmedizin: präventiv, personalisiert, präzise und partizipativ

Die Chancen moderner Krebsmedizin: innovative Therapien für den individuellen Patienten

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Derzeit tauschen sich in Berlin Ärzte und Wissenschaftler auf dem 32. Deutschen Krebskongress über aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen der Krebsmedizin aus ‒ der DKK ist der größte onkologische Fachkongress im deutschsprachigen Raum. Als roter Faden durch das wissenschaftliche Programm zieht sich das Konzept der sogenannten P4-Medizin des US-Biomediziners Leroy Hood. Er beschreibt eine moderne Medizin, deren Kerngedanke es ist, wirksam Krankheiten vorzubeugen, mittels fortschrittlicher Methoden präzise Diagnosen zu stellen und innovative, individuell auf den Patienten abgestimmte Therapien zu entwickeln. Der Patient selbst soll Teil des Behandlungsteams sein und aktiv an seiner Genesung mitwirken, beispielsweise bei wichtigen Therapieentscheidungen.„Dafür stehen die vier P: präventiv, personalisiert, präzise und partizipativ“, so die Kongresspräsidentin Professor Dr. Angelika Eggert im Rahmen der Auftaktpressekonferenz. „Wir haben dieses Motto gewählt, weil uns die P4-Medizin die große Chance bietet, uns im Sinne des Patienten von einer eher reaktiven zu einer proaktiven und individualisierten Medizin hin zu bewegen.“ Die Entwicklung und Anwendung solch einer personalisierten Medizin wäre der Anfang eines grundlegenden Wandels in der Versorgung krebskranker Menschen.Dies beginnt schon bei der Diagnose: „Momentan verlassen wir uns bei der Diagnosestellung noch weitgehend auf Techniken, die an der Oberfläche der Zelle haltmachen. Wir betrachten den Tumor gewissermaßen von außen“, betonte Professor Dr. Wolff Schmiegel, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft. „Wir brauchen eine Diagnostik, die es uns ermöglicht, auch in die erkrankte Zelle hineinzuschauen. Nur so können wir die deregulierten Signalwege in einer Krebszelle identifizieren, und nur dann können wir den Patienten maßgeschneidert behandeln.“Doch auch genaue Voraussagen über Krankheitsverlauf und Therapieerfolg sind ein wichtiger Teil der personalisierten Medizin, wie der Kongressvizepräsident Professor Dr. Ulrich Keilholz erläuterte: „Tumoren besitzen charakteristische Merkmale – wie etwa Veränderungen im Erbgut – oder sondern bestimmte Eiweiße ab, die im gesunden Gewebe normalerweise nicht vorkommen. Diese Tumormarker lassen sich dann beispielsweise im Blut oder Urin eines Patienten nachweisen.“ Anhand bestimmter Marker lasse sich etwa individuell feststellen, wie aggressiv sich ein Tumor im jeweiligen Patienten verhalten wird. „Moderne Techniken erlauben es uns, Tumorproben molekular zu charakterisieren und auf diese Weise neue Tumormarker zu identifizieren.“

Anhand der Forschungsergebnisse der Wissenschaftler um Professor Dr. Matthias Fischer von der Universitätskinderklinik zu Köln wird deutlich, wie wichtig die genaue molekulare Charakterisierung von Tumoren für die Entwicklung verbesserter Therapien ist. Der Mediziner untersucht genetische Veränderungen im Neuroblastom, das zu den häufigsten Tumorarten im Kindesalter gehört. In manchen Fällen bildet sich das Neuroblastom ohne jegliche Therapie komplett zurück, bei anderen Patienten jedoch schreitet es trotz Therapie unaufhaltsam voran. Die Gründe dafür waren bisher weitgehend unbekannt. Die Kölner Wissenschaftler konnten nun die genetischen Veränderungen, die zu einem aggressiven Krankheitsverlauf führen, identifizieren. „Unsere Erkenntnisse verändern unser Verständnis der Entwicklung des Neuroblastoms fundamental und könnten in Zukunft Diagnostik und Therapie des Neuroblastoms maßgeblich beeinflussen“, so Professor Fischer.

Dr. Fritz Pleitgen, Präsident der Deutschen Krebshilfe, hält es für wichtig, bei allen Diskussionen zu den verschiedenen Themenkomplexen des Kongresses immer die Patientenbelange im Blick zu haben. Dabei dürfe auch der zwischenmenschliche Aspekt der Krebsmedizin nicht vernachlässigt werden. „Der Krebspatient von heute möchte als aktiver, gleichberechtigter Partner angesprochen werden. Die traditionell geprägte Arzt-Patient-Beziehung ist ein Auslaufmodell – der paternalistisch handelnde Arzt hält den heutigen Herausforderungen nicht mehr stand. Die Patienten wollen aktiv zu einer Verbesserung des Krankheitsverlaufes beitragen und mitentscheiden.“ Hierbei gelte es insbesondere, die kommunikativen Kompetenzen von Ärzten und anderen Heilberuflern zu verbessern sowie die Gesundheitskompetenz der Allgemeinbevölkerung und insbesondere der Krebspatienten zu stärken.

Quelle: Pressestelle Deutscher Krebskongress – Stiftung Deutsche Krebshilfe; Deutsche Krebsgesellschaft e.V.

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Deutlich weniger Neuerkrankungen und Todesfälle seit Einführung der Vorsorge-Darmspiegelung

2002 wurde die Vorsorge-Koloskopie in das gesetzliche Krebsfrüherkennungs-Programm in Deutschland aufgenommen. Zwischen 2003 und 2012 sank die altersstandardisierte Darmkrebs-Neuerkrankungsrate in Deutschland um rund 14 Prozent, wie Wissenschaftler im Deutschen Krebsforschungszentrum nun berechneten. Der Rückgang zeigte sich am stärksten in den Altersgruppen ab 55 Jahren, in denen die Untersuchung angeboten wird. Die altersstandardisierte Darmkrebs-Sterblichkeit sank um fast 21 Prozent bei Männern und sogar um über 26 Prozent bei Frauen.

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Die Darmspiegelung ist Früherkennung und zugleich echte „Krebsvorsorge“; da eventuell entdeckte Krebsvorstufen direkt bei der Untersuchung entfernt werden können. Im Oktober 2002 wurde die „Vorsorge-Koloskopie“, so der Fachbegriff, für Versicherte ab 55 Jahren in das gesetzliche Krebsfrüherkennungsprogramm in Deutschland aufgenommen. Zwischen 2003 und 2012 nahmen etwa 20-30 Prozent der Anspruchsberechtigten dieses Angebot wahr.
Hermann Brenner und seine Kollegen im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) haben nun gemeinsam mit Wissenschaftlern vom Krebsregister Saarland und der Universität Lübeck untersucht, ob und in welchem Umfang die Vorsorge-Koloskopie bereits zehn Jahre nach ihrer Einführung Wirkung zeigt.

Da Darmkrebs sich in den meisten Fällen sehr langsam über viele Jahre entwickelt, wird der volle Effekt der Präventionsmaßnahme erst längerfristig zum Tragen kommen. Doch schon zwischen 2003 und 2012 sank die altersstandardisierte Neuerkrankungsrate in Deutschland um 13,8 Prozent bei Männern und um 14,3 Prozent bei Frauen. Die altersstandardisierte Darmkrebs-Sterblichkeit sank um 20,8 Prozent bei Männern und sogar um 26,5 Prozent bei Frauen.

Der starke Rückgang an neu diagnostizierten Darmkrebs-Fällen betraf selektiv die Altersgruppen ab 55 Jahren. Zuvor war die Neuerkrankungsrate über mehrere Jahrzehnte angestiegen, erst im Untersuchungszeitraum kam es zur Trendumkehr. In den Altersgruppen unter 55 Jahren, denen die Vorsorge-Untersuchung nicht angeboten wird, war dagegen kein vergleichbarer Rückgang der Neuerkrankungen zu beobachten.
Die beobachteten Muster sprechen dafür, dass die Vorsorge-Darmspiegelung ganz wesentlich dazu beiträgt, die Darmkrebs-Neuerkrankungsrate und Sterblichkeit in Deutschland zu senken. Nach den längerfristigen Erfahrungen aus den USA erwarten die Wissenschaftler, dass sich dieser Rückgang sowohl der Neuerkrankungsrate als auch der Sterblichkeit in den kommenden Jahren weiter deutlich fortsetzt und noch verstärkt.

„Bei der Koloskopie werden viele Tumoren in einem frühen Stadium mit guten Heilungschancen entdeckt, deshalb geht die Sterblichkeit sogar noch stärker zurück als die Neuerkrankungsrate“, erklärt der Epidemiologe Michael Hoffmeister vom DKFZ. Studienleiter Hermann Brenner ergänzt: „Heute gibt es in Deutschland jedes Jahr mehr als 60.000 Darmkrebs-Neuerkrankungen und mehr als 25.000 Darmkrebs-Todesfälle. Die meisten dieser Fälle könnten durch eine Darmspiegelung vermieden werden – das ist das beste Argument dafür, dieses effektive Vorsorgeangebot zu nutzen!“.

Die Grundlage für die Berechnung der Neuerkrankungsrate waren die Daten der epidemiologischen Krebsregister, für die Berechnung der Mortalität die amtliche Todesursachenstatistik. Längerfristige Trends wurden anhand der Daten des Krebsregisters Saarland ermittelt, das bereits seit langem Krebsfälle vollständig erfasst.

Quelle: Deutsches Krebsforschungszentrum DKFZ (PM 16 08)
Hermann Brenner, Petra Schrotz-King, Bernd Holleczek, Alexander Katalinic, Michael Hoffmeister: Rückgang der Darmkrebs-Inzidenz und Mortalität in Deutschland – Analyse zeitlicher Trends in den ersten 10 Jahren nach Einführung der Vorsorge-Koloskopie – Deutsches Ärzteblatt, 19. Februar 2016