ANGST: Die Deutschen fürchten sich am meisten vor Krebs

Sieben von zehn Menschen in Deutschland fürchten sich am meisten vor Krebs. Bei Erwachsenen zwischen 30 und 44 Jahren und Frauen ist die Angst besonders groß. Das zeigt eine aktuelle und repräsentative Studie der DAK-Gesundheit. Ein weiteres zentrales Ergebnis: Das Engagement für die eigene Gesundheit wächst. Immer mehr Menschen gehen zu Vorsorgeuntersuchungen und halten sich mit Sport und gesunder Ernährung fit.

Foto: iStock DAK Gesundheit

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Seit 2010 untersucht das Forsa-Institut für die Krankenkasse DAK-Gesundheit die Angst der Deutschen vor Krankheiten. Aktuell wurden bundesweit über 1.000 Frauen und Männer befragt. Bei 69 Prozent der Bundesbürger ist die Furcht vor einem bösartigen Tumor am größten – im Vergleich zum Vorjahr ein leichter Anstieg. Vor allem Erwachsenen zwischen 30 und 44 Jahren (77 Prozent) und Frauen (72 Prozent) macht Krebs Angst. Jeder Zweite fürchtet sich vor Alzheimer oder Demenz. Fast genauso viele Menschen (47 Prozent) haben Angst, einen Schlaganfall oder einen Unfall mit schweren Verletzungen (43 Prozent) zu erleiden. Die Furcht vor einem Herzinfarkt kennen vier von zehn Befragten.

Engagement für Gesundheit wächst

Im Vergleich zum Vorjahr engagierten sich die Befragten etwas mehr für ihre Gesundheit. Um Krankheiten vorzubeugen, gehen 56 Prozent zur Krebsvorsorge (2015: 54 Prozent). 46 Prozent nutzen den Gesundheits-Check gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen (2015: 41 Prozent). Auch regelmäßige sportliche Aktivitäten und gesunde Ernährung stehen bei den Deutschen hoch im Kurs (2016: 80 und 77 Prozent vs. 2015: 77 und 71 Prozent). „Es ist gut, dass mehr Menschen ihre Gesundheit aktiv fördern“, kommentiert Hella Thomas, Präventionsexpertin der DAK-Gesundheit. „Als Krankenkasse unterstützen wir sie mit wichtigen Vorsorgeuntersuchungen und einem breit gefächerten Präventionsangebot beim Gesundbleiben.“

Junge Erwachsene haben Angst vor psychischen Erkrankungen

Die DAK-Analyse zeigt außerdem: Die Angst vor psychischen Krankheiten trifft vor allem Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 29 Jahren: 40 Prozent befürchten, an Depressionen und anderen Seelenleiden zu erkranken. Faktisch werden psychische Erkrankungen jedoch bei ältere Menschen deutlich häufiger diagnostiziert als bei jungen Erwachsenen. Die über 60-Jährigen haben aber am wenigsten Angst vor Seelenleiden (21 Prozent).

Gute Gesundheit bei 88 Prozent der Deutschen

Insgesamt schätzen 88 Prozent der Deutschen ihren aktuellen Gesundheitszustand als gut bzw. sehr gut ein. Im Vergleich der Bundesländer und Regionen bewerten die Menschen in Baden-Württemberg mit 92 Prozent ihren Gesundheitszustand als besonders gut. Im Norden sind es nur 85 Prozent.

Vor diesen Krankheiten haben die Deutschen am meisten Angst:

  1. Krebs (69 Prozent)
  2. Alzheimer/Demenz (50 Prozent)
  3. Schlaganfall (47 Prozent)
  4. Unfall mit schweren Verletzungen (43 Prozent)
  5. Herzinfarkt (40 Prozent)
  6. Schwere Augenerkrankung, z.B. Erblindung (34 Prozent)
  7. Psychische Erkrankungen wie Depression (27 Prozent)
  8. Schwere Lungenerkrankung (24 Prozent)
  9. Diabetes (18 Prozent)
  10. Geschlechtskrankheit, wie z.B. Aids (13 Prozent)

*Das Forsa-Institut führte für die DAK-Gesundheit am 17. und 18. Oktober 2016 eine bundesweite und repräsentative Befragung von 1.004 Männern und Frauen durch.

Wie hängen Armut und Krebs zusammen? Interview mit Kirsten Bikowski | Report Mainz | Das Erste

Report Mainz – veröffentlicht am 24. Juni 2015

Aktuelle Entwicklungen in der Krebstherapie wurden von Onkologen im Rahmen ihrer Jahrestagung diskutiert

Die diesjährige Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Fachgesellschaften für Hämatologie und Medizinische Onkologie stand auch in diesem Jahr unter dem Eindruck der innovativen Diagnosemöglichkeiten und der vielen neuen Arzneimittel, vor allem bei Krebs, aber auch bei nicht bösartigen Blutkrankheiten. Gleichzeitig wird offen über Hemmnisse wie regulatorische Hürden, unzureichende Studien und fehlende Register diskutiert. Der von rund 5.700 teilnehmenden Expertinnen und Experten für medikamentöse Tumortherapie besuchte Kongress bietet eine wichtige Plattform zum Austausch über das neue Wissen und der zeitnahen Umsetzung im Behandlungsalltag.

DGHO_Jahrestagung 2016_LEIPZIG

Paradigmenwechsel: Vom Organ zum System
Mit den modernen Verfahren zur Tumordiagnostik wie dem Next Generation Sequencing oder der „liquid biopsy“, habe man die Wahl und die Steuerung der Behandlung bösartiger Erkrankungen deutlich verbessern können, so Prof. Andreas Hochhaus, diesjähriger Kongresspräsident und Direktor der Abteilung Hämatologie/Internistische Onkologie am Universitätsklinikum Jena. „Die neuen Diagnoseverfahren geben uns die Möglichkeit, die zur Verfügung stehenden innovativen Arzneimittel sehr gezielt einzusetzen.“ Derzeit erlebe die Häma-tologie und Onkologie einen Paradigmenwechsel von der organzentrierten Betrachtungsweise des Krebs hin zu einer organübergreifenden systemischen Perspektive beispielsweise basierend auf bestimmten genetischen Mutationen, die sich in Form verschiedener Tumorentitäten manifestierten. Diese systemische Betrachtungsweise führe auch dazu, dass bei modernen Therapien wie der Immuntherapie, dem organunabhängigen Nebenwirkungsmanagement eine wichtigere Bedeutung zukomme, so Hochhaus weiter.

Zentrale Aspekte der Hämatologie
Der Kongresspräsident warb für eine Besinnung auf die zentralen Aspekte der Hämatologie wie z. B. die Morphologie und die Blutgerinnung, betonte aber gleichsam, dass dies nicht rückwärtsgewandt zu verstehen sei. „Bei aller Wissenszunahme und bei aller Innovationskraft dürfen wir die zentralen Aspekte unseres Faches nicht aus dem ärztlichen Blick verlieren“, so Hochhaus weiter. Hierfür stehe auch das Motto der Jahrestagung ‚Blut ist ein ganz besonderer Saft‘. Der Kongresspräsident betonte, dass diese Entwicklung Hand in Hand mit der Nachwuchsförderung in der Hämatologie und Onkologie gehen müsse. „Die Zukunft unseres Fachgebietes können wir nur mit hochqualifiziertem ärztlichen und wissenschaftlichen Nachwuchs sichern, der den aktuellen Stand des Wissens kennt und die Umsetzung in Diagnose und Therapie im Behandlungsalltag beherrscht. Dabei ist es kein Widerspruch, wenn unsere jungen Kolleginnen und Kollegen auch nach wie vor die Morphologie von Zellen mit Hilfe des klassischen Lichtmikroskops beurteilen können“, so Hochhaus.

Interkulturelle Aspekte der Hämatologie
Im Rahmen der Pressekonferenz verwies Hochhaus auch auf eine aktuelle Problematik. Vor dem Hintergrund des vermehrten Zuzugs von Migrantinnen und Migranten aus südlichen Staaten – beispielsweise aus dem vom Bürgerkrieg betroffenen Syrien – nehmen in Deutschland die Prävalenzen von bestimmten hämatologischen Erkrankungen und Infektionskrankheiten zu. „Wir sehen eine Zunahme der hereditären hämatologischen Erkrankun-gen wie den hämolytischen Anämien, zu denen wir die Thalassämie oder die Sichelzellanämie zählen.“ Solche Phänomene, wie das vermehrte Auftreten von eher seltenen Erkrankungen im ärztlichen Behandlungsalltag, so Hochhaus weiter, sei bei der Ausbildung junger Ärztinnen und Ärzten zu berücksichtigen.

Die medikamentöse Versorgung: Schwächen im System
Dass es in der medikamentösen Therapie von hämatologischen Erkrankungen und soliden Tumoren trotz der großer Innovationen, der Verfügbarkeit vieler neuer Arzneimittel und der damit einhergehenden therapeutischen Erfolge verschiedene Probleme zu lösen gebe, machte Prof. Carsten Bokemeyer, Geschäftsführender Vorsitzender der DGHO und Direktor der II. Medizinischen Klinik und Poliklinik für den Bereich Onkologie, Hämatologie und Kno-chenmarktransplantation mit Sektion Pneumologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, deutlich. „Als Fachgesellschaft sehen wir derzeit verschiedene Problemfelder:

1. Liefer- und Versorgungsengpässe von etablierten Arzneimitteln in der Hämatologie und Onkologie.
2. Mehrfache Festlegungen des Gemeinsamen Bundesausschusses bei der Bewertung neuer Arzneimittel im Verfahren der Frühen Nutzenbewertung auf ‚Zusatznutzen nicht belegt‘ trotz Überlebensvorteilen.
3. Die Ausschreibung der zentralisierten Lieferung von Zytostatika durch die Krankenkassen.
 
“Mit Blick auf Liefer- und Versorgungsengpässe ging Bokemeyer auf zwei Beispiele ein. So war Melphalan, ein Arzneimittel, das unter anderem essentiell in der Behandlung des Multiplen Myeloms ist, in den letzten Jahren mehrfach nicht lieferbar, so dass in mehr als zehn Behandlungszentren in Deutschland sogar autologe Stammzelltransplantationen bei Myelompatienten verschoben werden mussten. „Wenn Arzneimittel nicht mehr dem Patent-schutz unterliegen, ist die Herstellung für den pharmazeutischen Unternehmer ökonomisch nicht attraktiv. Werden die Arzneimittel wie im Fall von Melphalan weltweit nur noch in einer Produktionsstätte hergestellt, kann es aufgrund von Qualitätsproblemen in der Produktion schnell zu bedrohlichen Liefer- und konsekutiven Versorgungsengpässen kommen, die zu Lasten unserer schwer kranken Patienten gehen“, so der Geschäftsführende Vorsitzende der DGHO. Bei Etopophos, das seit August dieses Jahres nicht mehr lieferbar ist, wurden unter Mitwirkung
der DGHO Empfehlungen zur Verwendung der Restbestände erarbeitet, die den Produkti-onsstopp abmildern sollen. Die Beispiele zeigen aber auch die vielfältigen komplexen Ursa-chen von Lieferengpässen. Die Grundsubstanz von Etopophos wird aus dem Himalaya-Maiapfel gewonnen, der seit kurzer Zeit dem Washingtoner Artenschutzabkommen unter-liegt. Bokemeyer forderte daher die Politik auf, verbindliche Register mit unverzichtbaren Arzneimitteln zu implementieren, eine Vorratshaltung für drei Monate mit Strafandrohung für den Hersteller sicherzustellen und die Möglichkeiten für Arzneimittelimporte bei Versorgungsmängeln zu erleichtern. „Die Sicherstellung der Arzneimittelversorgung ist aus Sicht der DGHO eine ethische Verpflichtung, der Gesetzgeber und auch die pharmazeutischen Unternehmen nachkommen müssen“, so der Geschäftsführende Vorsitzende der DGHO.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Ausschreibungen für die Herstellung und Lieferung von Zytostatika durch von den Krankenkassen zentral ausgewählte Apotheken wies Bokemeyer auf die vielfältigen organisatorischen Probleme wie unterschiedliche Bestellsysteme, ver-schiedene Lieferzeiten und Applikationssysteme u. ä. hin. Dabei sei auch nicht klar, wie eine notwendige Qualitätskontrolle organisiert werden könne. „Die Zubereitung von Zytostatika ist komplex, die räumliche Nähe der Apotheken zu den Kliniken und Praxen ist wichtig, um eine schnelle und sichere Lieferung zu garantieren. Der Wunsch nach Kostenersparnis der Kran-kenkassen ist nachvollziehbar, aber diese Kostenersparnis darf nicht die Versorgungsqualität und die Patientensicherheit gefährden“, so Bokemeyer.
Mit Blick auf die aktuell vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) im Verfahren der Frühen Nutzenbewertung nach AMNOG bei bestimmten Arzneimitteln festgestellten Ergebnisse „kein Zusatznutzen belegt“ stellte Bokemeyer fest: „Der G-BA hat in den aktuellsten Verfahren mehrfach keinen Zusatznutzen festgestellt, obwohl die Arzneimittel zu einer Verlängerung der Überlebenszeit führen. Aus unserer Sicht besteht die Gefahr, dass es in Folge der Entscheidungen des G-BA auf Grundlage der Formel ‚Verlängerung der Überlebenszeit abzüglich Nebenwirklungen = Zusatznutzen nicht belegt‘ zu Fehlentwicklungen kommt und die Gefahr besteht, dass der Zugang zu neuen Arzneimitteln insbesondere für Krebspatienten in schwierigen oder fast aussichtslosen Situationen erschwert wird.“ Bei der Frühen Nutzenbewertung neuer Arzneimittel müssten Endpunkte wie Überlebenszeit gegenüber potenziellen und reversiblen Nebenwirkungen stärker gewichtet werden. Darüber hinaus, so der Geschäftsführende Vorsitzende, müssten der Fokus auf Patientengruppen mit ungedecktem medizinischem Bedarf gelegt werden. „Bei Vorliegen überzeugender Daten zum Ansprechen und zur Verträglichkeit in definierten Subgruppen sollte ein befristeter Zusatznutzen ausge-sprochen werden. Hier können uns unabhängige Register zusätzlich helfen, den Zusatznut-zen in der Versorgungsqualität zu quantifizieren.“
 
Hämatologie und Onkologie im Spannungsfeld der Ökonomie
Prof. Hellmut Samonigg, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (OeGHO) wies auf die Herausforderungen der Behandlung von soli-den Tumoren und hämatologischen Erkrankungen für die Volkswirtschaften der Länder hin. „Durch die Erfolge in der medikamentösen Tumortherapie haben wir bestimmte Entitäten immer besser im Griff und beobachten chronische Verläufe, wo wir bislang nur kurze Überle-benszeiten sahen.“ Darüber hinaus trage der demografische Wandel dazu bei, dass immer mehr Patientinnen und Patienten behandelt werden müssten. „Das sind selbstverständlich alles Entwicklungen, über die wir in der medikamentösen Tumortherapie Tätigen äußerst froh sind. Klar ist aber auch, dass wir uns mit den daraus resultierenden steigenden Kosten für unsere Volkswirtschaften auseinandersetzen müssen.“
 
Quelle: Deutsche Gesellschaft f. Hämatologie und Onkologie (DGHO)

….und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker! – Was kann und darf man als Krebspatient von einer Apotheke erwarten?

Medikationsmanagement

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Apotheker Dr. Christian Fehske von der Internationalen Rathaus Apotheke in Hagen zeigt in einem Gespräch am Rande des Krebsinformationstages auf, was Krebspatienten von einer Zytostatika herstellenden Apotheke erwarten dürfen und kommentiert die derzeitigen Entwicklungen in der Onkologie.

Berufliche Wiedereingliederung nach Krebs – Interview

Interview Bettina Sommer

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Neue innovative Medikamente vom Gemeinsamen Bundesausschuss mehrfach mit “Zusatznutzen nicht belegt” bewertet – Medizinische Fachgesellschaften sehr besorgt über diese Entwicklung

Ob beim Lungenkrebs, chronischen lymphatischen Leukämie (CLL) oder Dickdarmkrebs: Trotz Verlängerung der Überlebenszeiten wird neuen innovativen Medikamenten der Zusatznutzen durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) in Frage gestellt.

Die DGHO Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e.V. und die Arbeitsgemeinschaft für Internistische Onkologie (AIO) der Deutschen Krebsgesellschaft befürchten, dass diese Tendenz den Zugang zu neuen Arzneimitteln insbesondere für Krebspatienten in schwierigen oder fast aussichtslosen Situationen gefährdet.

160929 DGHO besorgt_Zusatznutzen vom G-BA in Frage gestellt

In den letzten Wochen hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) mehrfach die Festlegung „Zusatznutzen nicht belegt“ für Krebsmedikamente getroffen, obwohl diese die Überlebenszeit der Patienten verlängern. Auch wurde innovativen Präparaten für die chronische lymphatische Leukämie und das Lungenkarzinom kein Zusatznutzen gerade in den Patientengruppen zugesprochen, in denen der höchste, ungedeckte, medizinische Bedarf besteht. 

Die frühe Nutzenbewertung nach dem Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) wurde 2010 mit dem Ziel eingeführt, den Zusatznutzen neuer Arzneimittel als Grundlage der Preisbildung zu verwenden. Das Verfahren ist aufwändig, umfasst Dossiers der pharmazeutischen Unternehmer von 1.000 und mehr Seiten, einen Bericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) bzw. des G-BA und eine Anhörung, an der auch die wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften beteiligt sind. Einer der großen Vorteile des Verfahrens liegt in wertvollen, zusätzlichen Informationen über neue Arzneimittel. Die Nutzenbewertung hat aus Sicht von DGHO und AIO bisher gut funktioniert. Sie muss ein lernendes System bleiben. Allerdings wurden in mehreren Verfahren der letzten Wochen vom G-BA überraschend negative Festlegungen getroffen. Sie sind Anlass, auf eine sich andeutende Fehlentwicklung hinzuweisen.

„Zusatznutzen nicht belegt“ trotz Verlängerung der Überlebenszeit

Bei drei im September 2016 abgeschlossenen Verfahren der frühen Nutzenbewertung (Ramucirumab beim Dickdarmkrebs, Ramucirumab beim Lungenkrebs, Necitumumab beim Lungenkarzinom) führt die Kombination der neuen Antikörper mit konventioneller Chemotherapie in großen randomisierten Studien zu einer signifikanten Verlängerung der mittleren Überlebenszeit, rechnerisch um 14 bis 21 Prozent gegenüber der Chemotherapie allein. Die Gabe dieser Antikörper ist mit Nebenwirkungen belastet, bei Ramucirumab u. a. mit einem stärkeren Abfall der weißen Blutkörperchen als mit Chemotherapie allein, mit Fatigue und mit erhöhtem Blutdruck. Bei Necitumumab tritt vor allem eine Hautreaktion auf.

In der Praxis werden Krebspatienten vor dem Therapiestart ausführlich über den Nutzen und die Nebenwirkungen neuer Arzneimittel aufgeklärt. Der Patient entscheidet, wie wichtig ihm die mögliche Verlängerung der Überlebenszeit gegenüber dem Risiko von Nebenwirkungen ist. Auch nach der Entscheidung für die Therapie mit einem neuen Arzneimittel kann er die Behandlung beim Auftreten belastender Nebenwirkungen jederzeit abbrechen.

Der G-BA hat in den drei Verfahren nicht aus dieser Patientensicht, sondern nach der Formel entschieden:

Verlängerung der Überlebenszeit – Nebenwirkungen = Zusatznutzen nicht belegt

Ähnlich war auch schon das Vorgehen zu Regorafenib beim Dickdarmkrebs im April 2016. Prof. Dr. Carsten Bokemeyer, Geschäftsführender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie erläutert: „Für viele Patienten ist eine mögliche Verlängerung der Überlebenszeit die dominierende Motivation für eine Krebstherapie. Dafür sind sie auch bereit, Nebenwirkungen zumindest bis zu einem bestimmten Ausmaß in Kauf zu nehmen.“

„Zusatznutzen nicht belegt“ trotz hoher Ansprechraten

Innerhalb bestimmter Krebskrankheiten können heute vielfach Subgruppen – oft auf der Basis molekularer Faktoren – mit besonders ungünstiger Prognose identifiziert werden. Bei der chronischen lymphatischen Leukämie gehören dazu Patienten mit del17p bzw. der TP53 Mutation. Der orale Kinase-Inhibitor Idelalisib führt bei dieser Hochrisikogruppe in Kombination mit Anti-CD20-Antikörper zu Remissionsraten von etwa 80 Prozent sowie einer signifikanten Verlängerung der progressionsfreien und der Gesamtüberlebenszeit. In der Neubewertung des Zusatznutzens von Idelalisib wurde der Subgruppe von Patienten mit del17p bzw. TP53 Mutation kein Zusatznutzen zuerkannt. „Idelalisib ist eine unverzichtbare Behandlungsoption für CLL-Patienten mit 17p- oder TP53 Mutation“, erklärt Prof. Dr. Michael Hallek, Vorsitzender der DGHO Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie und Leiter der deutschen CLL-Studiengruppe.

Eine prognostisch sehr ungünstige Gruppe beim EGFR-mutierten Lungenkarzinom sind Pati-enten mit einer T790M-Mutation. Sie sind resistent gegenüber den sonst hoch wirksamen Tyrosinkinase-Inhibitoren. Der neue Kinase-Inhibitor Osimertinib wirkt gezielt bei dieser vorbehandelten Patientengruppe mit einer Ansprechrate von über 60 Prozent und einer progressionsfreien Überlebenszeit von fast 10 Monaten. Auch Osimertinib wurde in der aktuellen Nutzenbewertung kein Zusatznutzen zugesprochen. „Osimertinib ist eine genau für einen spezifischen Resistenzmechanismus entwickelte Substanz mit hoher klinischer Wirksamkeit und guter Verträglichkeit. Ohne diese Substanz ist die optimale, gezielte Behandlung dieser gut definierten Subgruppe von Patienten mit einer EGFR-Resistenzmutation nicht gegeben“, so Prof. Dr. Martin Reck, Chefarzt des Onkologischen Schwerpunktes der Lungenfachklinik Grosshansdorf und Beisitzer im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft (AIO).

DGHO und AIO plädieren für eine stärker patientenzentrierte Nutzenbewertung neuer Arzneimittel mit höherer Gewichtung von Endpunkten wie Überlebenszeit gegenüber potenziellen, reversiblen Nebenwirkungen. In der Praxis ist es ureigene ärztliche Aufgabe gemeinsam mit dem Patienten die Abwägung von individuell erzieltem Erfolg und individuell auftretender Toxizität kontinuierlich im Behandlungsverlauf neu zu bewerten. Auch plädieren wir für einen Fokus auf Patientengruppen mit ungedecktem, medizinischem Bedarf. Bei Vorliegen überzeugender Daten zum Ansprechen und zur Verträglichkeit sollte ein befristeter Zusatznutzen ausgesprochen werden. Unabhängige Register können helfen, den Zusatznutzen in der Versorgungsrealität zu quantifizieren. Durch die G-BA Festlegung „Zusatznutzen nicht belegt“ werden Patienten und verordnende Ärzte verunsichert mit dem Risiko, dass ein wirksames Präparat gar nicht eingesetzt wird.

Quelle: DGHO Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e.V. sowie Arbeitsgemeinschaft internistische Onkologie (AIO) der Deutschen Krebsgesellschaft e.V.

Stammzellforschung – Von der Krebsursache zum medizinischen Fortschritt

Zum nunmehr sechsten mal richtet das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) vom 18. bis 20. September 2016 das Internationale Heinrich F.C. Behr-Symposium aus, dass alle zwei Jahre stattfindet. Rund 400 Experten aus aller Welt tauschen sich aus, um über Stammzellen, Krebs und Krebsstammzellen zu berichten und zu diskutieren.

Bauchspeicheldrüsenkrebs_Stammzellen_DKFZ

“…Wir sind davon überzeugt, dass dieses Forschungsgebiet die Behandlung von Krebspatienten in Zukunft entscheidend beeinflussen und verbessern wird”, sagt Michael Boutros, der kommissarische Wissenschaftliche Vorstand des DKFZ. “Das zeigen allein schon einige der Ergebnisse, die auf dem diesjährigen Symposium vorgestellt werden.” “Die Krebsstammzellforschung ist in der Medizin angekommen”, freut sich Andreas Trumpp vom DKFZ und von HI-STEM, dem “Heidelberger Institut für Stammzellforschung und experimentelle Medizin, das das DKFZ mit der Dietmar Hopp Stiftung gegründet hat. “Die Aufklärung der Tricks der Krebsstammzellen liefert uns wertvolle Ideen für die Therapie, die wir nun beginnen umzusetzen. Und mit 3D-Kulturen von Tumoren können wir das Tumorgeschehen in der Petrischale nachahmen und gleichzeitig Strategien für die Behandlung entwickeln.”

Erblich bedingten Brustkrebs

Von der Stammzellforschung zur Brustkrebs-Prävention – das ist das Ziel von Jane Visvader vom Walter and Eliza Hall Institute in Melbourne, Australien. 2006 ist es ihr als erster gelungen, die Brustdrüsen-Stammzellen zu identifizieren. Nun hat sie herausgefunden, wie genetische Veränderungen bestimmte Tochterzellen dieser Stammzellen zu einer besonders gefährlichen Form von Brustkrebs entarten lassen, und wie man diesen Prozess mit einem Medikament verhindern kann. Dies könnte die Prävention von erblich bedingtem Brustkrebs erheblich verbessern, als Alternative zur bisher oft vorgenommenen Radikaloperation.

Bauchspeicheldrüsenkrebs

Andreas Trumpp berichtet darüber, wie verschiedene Krebsstammzellen unterschiedliche Typen von Bauchspeicheldrüsenkrebs hervorrufen. Auf der Basis dieser Forschung fand er heraus, warum einer der Subtypen von Bauchspeicheldrüsenkrebs so besonders resistent gegen Chemotherapien ist und wie sich hieraus ein neuer Ansatz ergeben könnte, um wirksamere Therapien zu entwickeln.

Organoide zum besseren Verständnis für Organentwicklung und Krankheitsentstehung

Ein besonders spannendes Thema der aktuellen Stammzellforschung sind so genannte Organoide, in der Kulturschale aus Stammzellen gezüchtete organähnliche Strukturen. Für die Grundlagenforschung haben sie großes Potential, um beispielsweise zu verstehen, wie sich Organe entwickeln oder wie Krankheiten entstehen. In der medizinischen Forschung verspricht man sich Fortschritte bei der Entwicklung von Organersatz, sie gelten außerdem als ideal, um neue Wirkstoffe zu erproben.

Gehirn in der Kulturschale

Jürgen Knoblich vom Institut für Molekulare Biotechnologie in Wien stellt das besonders aufsehenerregende und hochkomplexe menschliche “Gehirn in der Kulturschale” vor, das tatsächlich aus verschiedenen gehirntypischen Strukturen aufgebaut ist und aktive Nervenzellen enthält.

Organoide aus patienteneigenen Krebszellen zur zielgerichteten Therapie

Dem niederländischen Stammzellforscher Hans Clevers vom Hubrecht Institut für Entwicklungsbiologie und Stammzellforschung in Utrecht ist es erstmals gelungen, Organoide aus patienteneigenen Krebszellen zu züchten. An diesen Gewebestrukturen können die Wissenschaftler und Ärzte prüfen, welche zielgerichteten Medikamente oder Medikamentenkombinationen am wirksamsten sind und so die Therapie vorab an den individuellen Tumor anpassen.

 

Quelle: Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ),  Internationale Heinrich F.C. Behr-Symposium, 18. bis 20. September 2016

Brustkrebs Metastasierung – Protein Endosialin als möglichen Biomarker identifiziert

Wissenschaftler aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum haben gemeinsam mit Londoner Kollegen entdeckt, dass das Protein Endosialin eine Schlüsselrolle bei der Metastasierung von Brustkrebs spielt. Produzieren bestimmte Zellen der Blutgefäßwand viel Endosialin, so können Brustkrebszellen leichter in die Blutbahn eindringen und sich so im Körper ausbreiten. Die Forscher sehen in Endosialin einen potentiellen Biomarker, um das Risiko für die Metastasierung einzuschätzen. Wirkstoffe gegen Endosialin könnten möglicherweise sogar die Metastasierung aufhalten.
Brustkrebs Metastasierung_Wie Blutkrebszellen die Ausbreitung von Brustkrebs fördern
Wenn Brustkrebs in andere Gewebe des Körpers streut, sinken die Chancen auf Heilung rapide. Metastasen, die Tumorabsiedlungen, sind die Hauptursache für die knapp 18.000 jährlichen Brustkrebs-Todesfälle in Deutschland – der primäre Krebsherd ist selten tödlich.

Weil sie auf die Versorgung mit Nährstoffen angewiesen sind, locken Tumoren Blutgefäße aktiv an. Außerdem nutzen Krebszellen die Blutgefäße, um sich im Körper zu verbreiten. Eine Gruppe von Forschern um Hellmut Augustin vom Deutschen Krebsforschungszentrum und der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg hat nun gemeinsam mit Kollegen um Clare Isacke vom Institute of Cancer Research in London untersucht, wie die Blutgefäße die Krebsausbreitung aktiv unterstützten. Eine zentrale Rolle spielen dabei die so genannten Perizyten, Zellen, die das Äußere der Gefäße bedecken.

Den Forschern war aufgefallen, dass Perizyten große Mengen des Membranproteins Endosialin produzieren. Um eine mögliche Rolle dieses Moleküls bei der Ausbreitung von Krebszellen zu prüfen, verglichen sie Mäuse, die aufgrund eines Gendefekts kein Endosialin produzieren konnten, mit normalen Tieren.

Während Endosialin für das Wachstum der primären Brusttumoren keine Rolle spielte, fördert es stark deren Metastasierung. Offenbar erleichtert es Endosialin den Tumorzellen, mit den Gefäßzellen in Kontakt zu treten und so in die Blutbahnen einzudringen. Das konnten die Wissenschaftler an Experimenten mit Tumorzellen und Blutgefäßzellen in der Kulturschale direkt mitverfolgen.

Um herauszufinden, ob sich auch bei Brustkrebspatientinnen ein Zusammenhang zwischen Endosialin und der Ausbreitung der Erkrankung beobachten lässt, untersuchte das Forscherteam Tumor-Gewebeproben von 334 Patientinnen. Beim Abgleich mit den klinischen Verläufen stellten die Wissenschaftler fest: Je höher die Endosialin-Spiegel in den Tumor-Blutgefäßen war, desto stärker hatte der Krebs gestreut. Auch die Überlebenszeit stand im Zusammenhang mit der Menge des von den Perizyten produzierten Endosialins.

“Wir wissen noch nicht, warum und wann Perizyten plötzlich damit beginnen, große Mengen Endosialin zu produzieren. Und wir wissen auch noch nicht, wie das Molekül den Krebszellen tatsächlich dabei hilft, die Blutgefäße zu entern. Das werden die kommenden Schritte unserer Forschung sein”, sagt Courtney König, die Erstautorin der Arbeit.

Studienleiter Hellmut Augustin ergänzt: “Es lohnt sich zu prüfen, ob sich Endosialin als Biomarker eignet, der das Risiko der Metastasierung anzeigt: Wird in der Tumorgewebeprobe einer Brustkrebspatientin viel Endosialin gefunden, so könnte das bedeuten, dass der Tumor bereits gestreut hat. Darüber hinaus werden zukünftige Arbeiten zeigen, ob ein Wirkstoff gegen Endosialin die Metastasierung bremsen kann.”

Literaturhinweise:
Carmen Viski, Courtney König, Magdalena Kijewska, Carolin Mogler, Clare M. Isacke, and Hellmut G. Augustin: Endosialin-expressing Pericytes Promote Metastatic Dissemination.
Cancer research 2016, DOI: 10.1158/0008-5472.CAN-16-0932

Quelle: Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)

Spiritualität – der Anker in Krisenzeiten

Bild 1_Spiritualität Huth

So gut wie jeder von uns hat einmal in einer brenzligen Situation oder vor der Bewältigung einer schwierigen Aufgabe gestanden und dann ein Stoßgebet (zu wem auch immer!!!) losgeschickt: Lass es gut gehen! Lass es klappen! Lass mich siegen – oder ganz einfach – beschütze mich!

Ganz gleich an wen diese Bitten gerichtet sind, haben wir gehofft, dass eine höhere Instanz es schon für uns und zu unseren Gunsten regeln und in ihre Hände nehmen wird. Für die einen gehört dies zum Teil ihres Glaubens, ihrer Religiosität. Für andere ist es eine Art Urvertrauen durch eine Macht und Stärke – sei es von innen oder außen – getragen zu werden.

Vor allem im Zusammenhang mit einer Erkrankung kommen wir ins Nachdenken, suchen wir nach einem „Ankerplatz“, nach Orientierung, nach etwas was uns hält. Wir brauchen Impulse und Perspektiven, die uns die Kraft und den Mut geben, weiter zu machen, nicht aufzugeben – selbst wenn es in der Situation besonders schwer fällt und wir physisch wie auch psychisch an unsere Grenzen stoßen.

Egal ob Christ, Muslim, Buddhist, Jude, gläubig oder nicht, gibt es im Leben eines Menschen eine Kraft, die ihn trägt und hoffen lässt. Nennen wir sie einmal generell Spiritualität. Spiritualität (von lat. spiritus – Geist, bzw. spiro – ich atme) bedeutet im weitesten Sinne Geistigkeit und bezeichnet eine auf einen geistlichen Inhalt ausgerichtete Haltung. Während Religiosität Ordnung sowie Vielfalt in der Welt und gleichzeitig auch die Empfindung einer übergeordneten Wirklichkeit meint (Transzendenz), beinhaltet Spiritualität eine Hinwendung und/oder das aktive Praktizieren einer als richtig/passend empfundenen Glaubenshaltung oder Philosophie. Daraus lässt sich folgern, dass Spiritualität auch Auswirkungen auf die persönliche Lebensgestaltung und nicht zuletzt auch auf die Krankheitsbewältigung eines Menschen hat.

Sinnfragen

Schon immer hat sich der Mensch mit Fragen des Daseins, der Welt und der eigenen Existenz beschäftigt. „Mit dem Begriff Spiritualität wird eine nach Sinn und Bedeutung suchende Lebenseinstellung bezeichnet.“[i]Vor allem im Moment gesundheitlicher Beeinträchtigungen kommen diese Sinnfragen noch deutlicher zum Vorschein. „Warum trifft es mich?“ „Was habe ich verkehrt gemacht?“ „Was/wer kann mir helfen?“ „Wofür lebe ich?“ „Wie war mein Leben bisher? Wie wird es künftig sein?“ Vieles macht im Falle einer Erkrankung zunächst keinen Sinn, bleibt unverständlich, nebulös. Oft wird Krankheit als Sinnvernichter, als Zeit- und Lebensräuber gesehen. Aber viele Menschen beginnen erst im Angesicht einer ernsthaften Erkrankung mit einem viel bewussteren, intensiveren, achtsameren Leben.

Befragt man Patienten nach ihren persönlichen Ausdrucksformen und Ideen von Spiritualität, so können mindestens sieben Faktoren ausfindig gemacht werden[ii]:

 

Spiritualität Abb2_Huth

Spiritual Care

Mit Spiritual Care ist zunächst einmal die (gemeinsame) Sorge um die Möglichkeit der Teilhabe und Teilnahme an einem als sinnvoll erfahrenen Leben gemeint. In diesem Zusammenhang ist an den Grenzen zwischen Medizin, Theologie/Seelsorge, Psychologie und auch Pflege eine noch sehr neue und junge wissenschaftliche Disziplin[iii]  entstanden, die sich interdisziplinär und stark patientenorientiert mit der Begleitung (schwerst-)kranker Patienten befasst. Es handelt sich dabei um eine ganzheitliche Versorgung erkrankter Menschen, bei der neben der medizinischen Versorgung auch das seelische Wohl im Mittelpunkt steht. Das Aufspüren, Entwickeln und Leben von Spiritualität ist eng geknüpft an Aspekte wie Sinnsuche und Trost, an die mentalen, emotionalen Bedürfnisse eines Menschen in einer Krankheitssituation.

Besonders im Falle einer Erkrankung erwacht bei vielen Menschen das Verlangen nach einer spirituellen Begleitung, einem spirituellen Halt, der dabei auch nicht immer rein religiös ausgeprägt sein muss. Insofern ist mit der Frage, was einen Menschen trägt und ihm Halt gibt, auch die Einsicht verbunden „Man kann nicht nicht spirituell sein“[iv]. Die Aufgabe von Spiritual Care ist dabei, die spirituellen Ressourcen, die jeder Mensch besitzt, freizulegen und im achtsamen Umgang mit der Individualität jedes Einzelnen zu fördern und dafür in der Achtung gegenüber der jeweiligen Religion oder Überzeugungen Raum zu schaffen – auf dem Weg zu Hoffnung und Vertrauen.

Spiritualität Abb3_Fragestellungen

Lebensqualität

Gut ist, was gut tut – in diesem Kontext mehren sich inzwischen auch die Hinweise aus der Wissenschaft, dass Spiritualität einen erheblichen Anteil bei Heilungsprozessen hat. So sieht der Heidelberger Biophysiker M.H. Niemz den Faktor Spiritualität als „Wahrheit, die von innen kommt“[v]. D.h. mittels Spiritualität schafft sich der Mensch seinen eigenen persönlichen, heilsamen, tröstlichen Kosmos, seinen sicheren Ort und aus dieser Perspektive heraus, kann sich auch der Glaube an sich selbst entwickeln (Selbstwirksamkeit!). Auf medizinischem Gebiet existieren bereits zahlreiche Studien, die eine positive Wechselwirkung zwischen Spiritualität und Lebensqualität belegen.[vi] So forschen der Mediziner E. Frick und Theologe T. Roser gemeinsam an Fragestellungen zur Wirksamkeit von Spiritualität insb. bei den Heilungs- und Gesundungsprozessen onkologischer Patienten.[vii] Hierbei hat sich auch bestätigt, dass vor allem Krankenhäuser als hochspirituelle Orte gelten, da in ihnen viele Prozesse der Krankheitsverarbeitung, des Bangens und Hoffens stattfinden. Befragungen haben ebenfalls gezeigt, dass Familie/Freunde, sowie Beschäftigte in Gesundheitsberufen und auch andere Unterstützer wie Seelsorger und Psychologen zu den häufigsten spirituellen Begleitern bei einer Erkrankung gehören.[viii]

 

 Heilung – von Cure zu Heal

Nicht immer können Mediziner dem Anspruch und der Erwartung gerecht werden, eine (vollständige) medizinische Heilung oder Gesundung zu leisten. Im deutschen Sprachgebrauch ist mit Heilung vordergründig erst einmal die physische Genesung gemeint. Im angloamerikanischen Raum trifft man dagegen auf eine sprachliche Differenzierung die den Fokus auch auf eine mentale Gesundung (u.a. mittels Spiritualität!), trotz physischer Einschränkungen lenkt und zulässt (engl. to heal). Denn es müssen in der medizinischen Realität nicht selten Kompromisse geschlossen werden, bei der sich eine Heilung eher auf emotionaler, denn auf physischer Ebene vollziehen muss[ix], vor allem dann wenn eine Erkrankung nicht vollständig kuriert werden kann und man künftig als Chroniker mit den Folgen, bzw. Begleiterscheinungen der Krankheit umzugehen hat – gemäß des bereits seit Jahrhunderten existenten Leitspruch der Cura Palliativa „Heilen manchmal, lindern oft und trösten immer“. Insofern befindet sich auch das Erleben und Praktizieren von Spiritualität in einem besonderen Prozess des menschlichen Daseins, in der ein Individuum entsprechende Bezugsgrößen braucht und sucht, eng gekoppelt an eine Sinnfindung, um sie dann für sich zur persönlichen Lebensphilosophie (Transzendenz) zu machen. Dies erleichtert den Umgang mit der Krankheit.[x]

 

Hoffnung

Spiritualität ist „jede Erfahrung, bei der Menschen sich mit dem (heiligen) Geheimnis des Lebens in Verbindung wissen, erklärt der Krankenhausseelsorger Erhard Weiher.[xi] Spiritualität erinnert daran, dass Wunder möglich sind, so wie in der Erzählung vom Hauptmann von Kafarnaum im Evangelium nach Matthäus (8,5-13) „Herr, ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst; sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund.“ Spiritualität schafft Hoffnung dass es irgendwie weitergeht, auch wenn Situationen ausweglos erscheinen, wie es Dietrich Bonhoeffer in seinem Bekenntnis „von guten Mächten treu und still umgeben“ beschreibt. Spiritualität ist somit ein wichtiges Schutzschild für alles, was den Menschen in seinem Leben an Widrigkeiten ereilen kann und ihm hilft dies zu überstehen.

von Dr. Iris Huth,
Psychoonkologin,
Lehrbeauftragte der FH Düsseldorf,
Sozialwissenschaftlerin,
Fachwirtin für das Sozial- und Gesundheitswesen,
Mediatorin
 

[i] Büssing, A. et al. Spiritualität, Krankheit und Heilung – Bedeutung und Ausdrucksformen der Spiritualität in der Medizin. VAS-Verlag für Akademische Schriften 1/2006, S. 31ff

[ii] Ebd.

[iii] Seit 2010 erstes Studienfach dieser Art an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit Lehrstühlen des Theologen Traugott Roser und des Psychoanalytikers Eckhard Frick, sowie des Mediziners Gian Domenico Borasio.

Frick, E./Roser, T. Spiritualität und Medizin. Gemeinsame Sorge für den kranken Menschen.

[iv] Vgl. www2.evangelisch.de Interview mit Traugott Roser „Man kann nicht nicht spirituell sein.“

[v] Niemz, MH. Sinn- Ein Physiker verknüpft Erkenntnis mit Liebe, Freiburg 2013 S. 45.

[vi] Büssing, A./Kohls, N. (Hrsg.) Spiritualität transdisziplinär. Wissenschaftliche Grundlagen in Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit. Berlin 2011.

[vii] Frick, E./Roser, T. Spiritualität und Medizin. Gemeinsame Sorge für den kranken Menschen. Stuttgart 2011.

[viii] Büssing, A./Kohls, N. (Hrsg.) ebd. 2011, S. 55ff

[ix] Frick, E. Sich heilen lassen. Würzburg 2011, S. 17ff.

[x] Wright, M. Hospice Care and Models of Spirituality, in: European Journal of Palliative Care 11/2004/ Heft 2, S. 75-78.

[xi] Weiher, E. Das Geheimnis des Lebens berühren. Spiritualität bei Krankheit, Sterben, Tod. Eine Grammatik für Helfende. Stuttgart  2008, S. 34.

Blasenkrebs: Strahlentherapie als Alternative zur Radikaloperation beim muskelinvasiven Blasenkrebs

160502 BLASENKREBS

Eine Strahlentherapie ist bei Patienten mit einem muskelinvasiven Blasenkrebs eine Alternative zur kompletten operativen Entfernung der Harnblase. Dadurch bleiben Patienten die Folgen einer Radikaloperation wie beispielsweise ein künstlicher Harnausgang erspart. Eine organerhaltende Operation in Kombination mit einer Radiochemotherapie wird jetzt auch von der führenden amerikanischen Krebsgesellschaft (ASCO) empfohlen, die damit einer Leitlinie europäischer Urologen folgt. Die schonende Therapie komme hierzulande noch viel zu selten zum Einsatz, kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) im Juni 2016.

In Deutschland erkranken jährlich knapp 16 000 Menschen an Blasenkrebs. Bei drei Vierteln der Patienten beschränkt sich der Tumor auf die Schleimhaut. Diese Frühfälle haben gute Heilungsaussichten, denn diese Tumoren können fast immer durch eine Operation über die Harnröhre, eine transurethrale Resektion, entfernt werden. Dabei wird der Tumor mithilfe einer Elektroschlinge abgetragen. Ist der Tumor größer und bereits in die Blasenwand eingedrungen, ist die gängige Behandlung hingegen wesentlich invasiver: In der Regel entfernen die Ärzte die gesamte Blase, was die Lebensqualität der Patienten deutlich beeinträchtigt – denn es müssen dann entweder eine Ersatzblase oder ein künstlicher Harnausgang angelegt werden. „Blasenkrebs gehört zu den strahlenempfindlichen Tumoren, sodass ein Verzicht auf eine Radikaloperation möglich ist“, sagt Professor Dr. med Jürgen Dunst, Direktor der Klinik für Strahlentherapie an der Universität Kiel und Mitglied im DEGRO-Vorstand. „Diese alternative Möglichkeit, den Tumor organerhaltend zu operieren und dann zu bestrahlen, wird in Deutschland leider noch viel zu selten genutzt“, ergänzt Professor Dunst. Er vermutet, dass Ärzte und Patienten unbegründete Ängste gegenüber der Strahlentherapie haben.

Organerhaltende Operationen sind bei anderen Krebserkrankungen wie etwa bei Brustkrebs, Kehlkopfkrebs oder Prostatakrebs seit Längerem üblich. Professor Dunst ist überzeugt, dass die organerhaltende Behandlung in Kombination mit Bestrahlung auch beim Blasenkrebs gleich gute Ergebnisse erzielt wie die radikale Operation. „Zwar sind beide Verfahren bisher nicht in sogenannten randomisierten Studien direkt miteinander verglichen worden. Es gibt aber keinen Hinweis darauf, dass die Radikaloperation besser sein könnte“, so der Experte. Um die Strahlenwirkung bei großen Tumoren zu verbessern, kombinieren die Ärzte die Behandlung mit einer schwachen Chemotherapie. Professor Dunst: „Bei der Radiochemotherapie wird dazu meistens am Beginn und am Ende der Bestrahlung für einige Tage ein Medikament per Infusion verabreicht.“ Der DEGRO-Experte ist überzeugt, dass durch diese Behandlung auf eine Radikaloperation verzichtet werden kann.

Dieser Tage hat die American Society of Clinical Oncology (ASCO) die Empfehlungen der European Association of Urology übernommen und dabei ausdrücklich die organerhaltende Behandlung als eine wichtige Möglichkeit hervorgehoben, über die Patienten als Alternative zur Radikaloperation mit Blasenverlust informiert werden sollten, berichtet Professor Dr. med. Frederik Wenz, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am Universitätsklinikum Mannheim. „Die American Society of Clinical Oncology ist weltweit die einflussreichste Krebsgesellschaft, und wir hoffen, dass deren Empfehlungen auch die Ärzte in Deutschland überzeugt“, sagt DEGRO-Pressesprecher Wenz. „Durch die Kombination von organerhaltender Operation plus Radiochemotherapie können drei von vier Patienten ihre eigene Blase mit normaler Blasenfunktion behalten“, so Professor Wenz.

Die moderne Strahlentherapie ist sehr schonend und effektiv. Sie dauert bei Blasenkrebs etwa sechs Wochen. Es wird jeden Tag an allen Werktagen bestrahlt. Pro Tag dauert eine Bestrahlungssitzung etwa zehn Minuten. Die Therapie ist ambulant möglich. In der Klinik werden die Patienten in der Regel nur behandelt, wenn sie gleichzeitig eine Chemotherapie erhalten.

Auch die Verträglichkeit der Strahlentherapie ist heutzutage sehr gut. Gegen Ende der Therapie treten zwar oft vorübergehende leichte Blasen- und Darmreizungen auf. „Schwerwiegende Komplikationen sind aber selten“, versichert Professor Dunst: „Deshalb ist die Strahlentherapie gerade auch bei älteren Patienten mit hohem Operationsrisiko die beste Therapie.“

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie e.V. (DEGRO)