Archiv für die Kategorie „Nachsorge“

Darmkrebs: Gut informiert bei sozialrechtlichen Fragen

Für Darmkrebsbetroffene tauchen viele Fragen im Umgang mit ihrer Erkrankung auf, wie beispielsweise:

  • Kann ich eine onkologische Rehabilitation beantragen?
  • Wie komme ich im Berufsalltag mit meiner Erkrankung klar?
  • Wer übernimmt langfristig die Kosten und welche Hilfsangebote stehen mir zu?

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Foto: Krebsinformationsdienst, DKFZ

In Kooperation mit der Deutschen ILCO e.V. hat der Krebsinformationsdienst ein Faltblatt erstellt, das die neuesten Informationen zu sozialrechtlichen Themen bietet. Vier Betroffene zwischen 45 und 81 Jahren schildern in dem Flyer „Darmkrebs? Gut informiert bei sozialrechtlichen Fragen“ ihre ganz persönlichen Ängste, Sorgen und Fragen rund um ihr Leben mit Darmkrebs. Der Flyer liefert Orientierung und bietet erste Antworten auf diese und weitere Fragen aus dem Alltag Betroffener. Außerdem nennt er wichtige Ansprechpartner, Anlaufstellen und Adressen und gibt praktische Tipps.

Der Flyer kann im Internet unter folgendem Link abgerufen werden: https://www.ilco.de/darmkrebs/sozialrechtliche-fragen/

 

Quelle: Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)

Bewegungstherapie hocheffektiv

Neue Erkenntnisse zu Fatigue und Polyneuropathie beim 33. Deutschen Krebskongress 2018 in Berlin vorgestellt.

 

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Viele Krebspatienten leiden unter den Nebenwirkungen ihrer Therapie. Dazu gehören etwa Erschöpfung, auch Fatigue-Syndrom genannt, oder Polyneuropathie, eine Schädigung der Nerven. Gezieltes bewegungstherapeutisches Training hilft, die zum Teil starken Einschränkungen zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu steigern. Aktuelle Studienergebnisse – unter anderem eine Meta -Analyse aus den USA – konnten nun belegen: Körperliche Aktivität vermindert die Beschwerden erfolgreicher als eine medizinische oder eine psychologische Therapie.

 

Bewegung ist das geeignetste ‚Medikament‘ zur Reduzierung des Fatigue-Syndroms“, berichtete PD Dr. Freerk Baumann, Leiter der Arbeitsgruppe Onkologische Bewegungsmedizin am CIO Köln/Bonn. Doch nicht nur bei der Behandlung des Fatigue-Syndroms gibt es neue Erkenntnisse. „Auch bei der Chemotherapie-induzierten Polyneuropathie (CIPN) zeigen Studien, dass Bewegungstherapie hilft. Für die Polyneuropathie gibt es keine andere Behandlungsmethode, deren nachhaltige Wirkung bewiesen werden konnte“, so Baumann weiter. „Sensomotorisches Training und womöglich auch Vibrationstraining erzielen die besten Effekte bei der Therapie von Nervenschäden, wie eingeschränktes Tastgefühl an den Händen sowie Kribbeln und Schmerzen an Händen und Füßen.“ Dieser Ansatz wird derzeit in einer gemeinsamen Studie der Deutschen Sporthochschule Köln und der Uniklinik Köln weiter verfolgt. Erste Forschungsergebnisse unterstützen die Annahme, dass spezielles Bewegungstraining eine hemmende Wirkung auf die CIPN haben könnte.

 

Trotz der Erfolge, die mit einer gezielten Bewegungstherapie erreicht werden können, ist es jedoch schwierig, entsprechende Versorgungsstrukturen für alle Patienten zu schaffen. „Ein therapeutisches Training während der medizinischen Krebstherapie muss individuell auf die Patienten angepasst werden. Hierzu bedarf es speziell ausgebildeter Sport- und Physiotherapeuten, von denen es zurzeit noch nicht genügend gibt“, erklärte der Direktor des Centrums für integrierte Onkologie (CIO) Köln/Bonn, Professor Dr. Michael Hallek. „Darüber hinaus bestehen in den Onkologischen Zentren auch räumliche und finanzielle Engpässe, um hochwertige Trainingsgeräte anzuschaffen.“ Erschwerend käme hinzu, dass die Sporttherapie im Gegensatz zur Physiotherapie nicht im Heilmittelkatalog aufgeführt ist , obwohl die positiven Effekte durch Sporttherapie bereits sehr gut wissenschaftlich belegt seien.

Hier ist die Gesundheitspolitik gefordert, dies schnellstens zu ändern“, unterstrich PD Dr. Baumann. „Denn, würde die Sporttherapie in den Heilmittelkatalog aufgenommen, so wäre es für die Krebszentren deutlich einfacher, entsprechende bewegungstherapeutische Strukturen aufzubauen.“ Um umfassende Informationen über die Versorgungsstrukturen zur Bewegungstherapie in Deutschland zu erhalten und Erkenntnisse darüber zu gewinnen, inwieweit Krebspatienten die Möglichkeiten der Sporttherapie überhaupt vermittelt werden, hat die Deutsche Krebshilfe eine bundesweite Umfrage bei über 700 Krebszentren durchgeführt. „Die Ergebnisse dieser Befragung werden in Kürze vorliegen, doch schon jetzt zeichnet sich dringender Handlungsbedarf ab“, erklärte Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe.

Das Thema körperliche Aktivität in der Krebstherapie hat für die Deutsche Krebshilfe einen hohen Stellenwert. Wir halten es für wichtig, die Forschung auf diesem Gebiet voranzutreiben, um weitere wissenschaftliche Erkenntnisse zu erhalten. Wir wollen aber auch Krebspatienten und Ärzte umfassend über die positiven Effekte der Bewegungstherapie informieren.

Dies gelte zudem nicht nur für die Zeit während der Therapie, sondern auch für die Zeit danach, denn auch in der Krebsnachsorge seien Sport und Bewegung wichtig für das Wohlbefinden der Betroffenen. Um das Thema Bewegung stärker und mit Nachhaltigkeit sowohl in der Therapie als auch in der Krebsnachsorge zu verankern, haben die Deutsche Krebshilfe, der Deutsche Olympische Sportbund und die Deutsche Sporthochschule Köln im Jahr 2014 die Initiative „Bewegung gegen Krebs“ gestartet.

Unterstützt werden sie dabei von Heiko Herrlich, ehemaliger Fußballprofi und heute Bundesligatrainer sowie Antje Möldner-Schmidt, Europameisterin im 3.000-Meter-Hindernislauf. Herrlich und Möldner-Schmidt wissen als ehemalige Patienten um die zentrale Bedeutung von Sport und Bewegung während und nach der Krebstherapie. „Für mich brach eine Welt zusammen, als ich mit der Diagnose Krebs konfrontiert wurde“, berichtete Möldner-Schmidt in Berlin. „Doch Sport und Bewegung haben mir sehr geholfen, die schwere Zeit durchzustehen und viele Hürden zu überwinden.“ Die Leichtathletin erkrankte im Januar 2010 an Morbus Hodgkin. Bereits zehn Monate nach der Diagnose nahm sie das Training wieder auf und wurde im Jahr 2014 Europameisterin.

Quelle: Presseinformation 33. Deutscher Krebskongress 2018, Pressestelle Deutsche Krebsgesellschaft und Pressestelle Stiftung Deutsche Krebshilfe e.V.

 

Nebenwirkungsmanagement: Neue Behandlungsleitlinie zu Begleittherapien (Supportivtherapie)

Patienten von heute profitieren mit einem hohen Maß an Lebensqualität durch sogenannte begleitende beziehungsweise unterstützende Therapien die auch Supportivtherapien genannt werden. Waren beispielsweise noch vor wenigen Jahren Übelkeit und Erbrechen im Zusammenhang mit einer Chemotherapie eine der am häufigsten von Patienten gefürchteten Nebenwirkungen, so ist dies inzwischen für Patienten durch eine entsprechende und äußerst effiziente Begleittherapie nur noch selten ein Thema. Doch wirksame Krebstherapien bringen vielfältige Nebenwirkungen mit sich. Eine neue Behandlungsleitlinie versucht nun, Behandlern eine einheitliche Übersicht zu bieten.

S3 Leitlinie_Supportive Therapie

Die mit 558 Seiten überaus umfangreiche und lesenswerte Behandlungsleitlinie ist kostenfrei unter folgender Webseite abrufbar:
http://leitlinienprogramm-onkologie.de/Supportive-Therapie.95.0.html
 

„Unterstützende Maßnahmen machen die Krebsbehandlung verträglicher, verbessern die Lebensqualität der Patienten und stellen sicher, dass eine wirksame Tumortherapie fortgeführt werden kann. Supportive Therapien sind selbstverständliche Bausteine jeglicher Behandlung onkologischer Erkrankungen und ihr sachgerechter Einsatz ist ein Qualitätsmerkmal für eine gute Behandlung – das gilt für Patienten aller Altersgruppen von der Diagnosestellung und der Erstbehandlung bis hin zur palliativen Versorgung“, kommentiert Prof. Dr. Karin Jordan, Onkologin an der Universität Halle und Koordinatorin der neuen Leitlinie. „Die Leitlinie unterstützt Ärzte und andere Berufsgruppen bei der Entscheidung über die optimale Unterstützung mit formal konsentierten, klar verständlichen und nachvollziehbaren Empfehlungen.“ Auf der Grundlage der vorliegenden Leitlinie wird derzeit eine Patientenleitlinie erarbeitet.

Die Arbeitsgemeinschaft Supportive Maßnahmen in der Onkologie, Rehabilitation und Sozialmedizin (ASORS) in der Deutschen Krebsgesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) und die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) möchten mit der Erarbeitung der Leitlinienempfehlungen eine bundesweite Basis für eine Standardisierung wichtiger Themen bei der fachübergreifenden Behandlung der Komplikationen der Krebstherapie und Krebserkrankung legen. Die S3-Leitlinie behandelt auf 558 Seiten zehn Themen aus dem Bereich der supportiven Krebstherapie:

• Anämie (Blutarmut) aufgrund der Tumortherapie
• Neutropenie (Mangel an weißen Blutkörperchen) aufgrund der Tumortherapie
• Übelkeit und Erbrechen aufgrund der Tumortherapie
• Therapiebedingte Durchfälle
• Entzündung der Mundschleimhaut aufgrund der Tumortherapie
• Therapiebedingte Hautproblemen
• Periphere Nervenschädigungen aufgrund der Tumortherapie (Polyneuropathie)
• skelettbezogene Komplikationen (Knochenmetastasen, Knochenbrüche,…)
• Gewebeschädigungen als Komplikation bei einer intravenösen Infusion
• Begleittherapien (supportive Maßnahmen) der Strahlentherapie

 

Quelle:

Pressestelle der Deutschen Krebsgesellschaft e.V.
Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e.V.
Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie e.V.

 

Onkologische Reha und wie komme ich dahin sowie Reha für junge Erwachsene nach Krebs

Wie hängen Armut und Krebs zusammen? Interview mit Kirsten Bikowski | Report Mainz | Das Erste

Report Mainz – veröffentlicht am 24. Juni 2015

….und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker! – Was kann und darf man als Krebspatient von einer Apotheke erwarten?

Medikationsmanagement

Mit anklicken des Bildes startet das Video auf unserem YouTube Kanal.

Apotheker Dr. Christian Fehske von der Internationalen Rathaus Apotheke in Hagen zeigt in einem Gespräch am Rande des Krebsinformationstages auf, was Krebspatienten von einer Zytostatika herstellenden Apotheke erwarten dürfen und kommentiert die derzeitigen Entwicklungen in der Onkologie.

Spiritualität – der Anker in Krisenzeiten

Bild 1_Spiritualität Huth

So gut wie jeder von uns hat einmal in einer brenzligen Situation oder vor der Bewältigung einer schwierigen Aufgabe gestanden und dann ein Stoßgebet (zu wem auch immer!!!) losgeschickt: Lass es gut gehen! Lass es klappen! Lass mich siegen – oder ganz einfach – beschütze mich!

Ganz gleich an wen diese Bitten gerichtet sind, haben wir gehofft, dass eine höhere Instanz es schon für uns und zu unseren Gunsten regeln und in ihre Hände nehmen wird. Für die einen gehört dies zum Teil ihres Glaubens, ihrer Religiosität. Für andere ist es eine Art Urvertrauen durch eine Macht und Stärke – sei es von innen oder außen – getragen zu werden.

Vor allem im Zusammenhang mit einer Erkrankung kommen wir ins Nachdenken, suchen wir nach einem „Ankerplatz“, nach Orientierung, nach etwas was uns hält. Wir brauchen Impulse und Perspektiven, die uns die Kraft und den Mut geben, weiter zu machen, nicht aufzugeben – selbst wenn es in der Situation besonders schwer fällt und wir physisch wie auch psychisch an unsere Grenzen stoßen.

Egal ob Christ, Muslim, Buddhist, Jude, gläubig oder nicht, gibt es im Leben eines Menschen eine Kraft, die ihn trägt und hoffen lässt. Nennen wir sie einmal generell Spiritualität. Spiritualität (von lat. spiritus – Geist, bzw. spiro – ich atme) bedeutet im weitesten Sinne Geistigkeit und bezeichnet eine auf einen geistlichen Inhalt ausgerichtete Haltung. Während Religiosität Ordnung sowie Vielfalt in der Welt und gleichzeitig auch die Empfindung einer übergeordneten Wirklichkeit meint (Transzendenz), beinhaltet Spiritualität eine Hinwendung und/oder das aktive Praktizieren einer als richtig/passend empfundenen Glaubenshaltung oder Philosophie. Daraus lässt sich folgern, dass Spiritualität auch Auswirkungen auf die persönliche Lebensgestaltung und nicht zuletzt auch auf die Krankheitsbewältigung eines Menschen hat.

Sinnfragen

Schon immer hat sich der Mensch mit Fragen des Daseins, der Welt und der eigenen Existenz beschäftigt. „Mit dem Begriff Spiritualität wird eine nach Sinn und Bedeutung suchende Lebenseinstellung bezeichnet.“[i]Vor allem im Moment gesundheitlicher Beeinträchtigungen kommen diese Sinnfragen noch deutlicher zum Vorschein. „Warum trifft es mich?“ „Was habe ich verkehrt gemacht?“ „Was/wer kann mir helfen?“ „Wofür lebe ich?“ „Wie war mein Leben bisher? Wie wird es künftig sein?“ Vieles macht im Falle einer Erkrankung zunächst keinen Sinn, bleibt unverständlich, nebulös. Oft wird Krankheit als Sinnvernichter, als Zeit- und Lebensräuber gesehen. Aber viele Menschen beginnen erst im Angesicht einer ernsthaften Erkrankung mit einem viel bewussteren, intensiveren, achtsameren Leben.

Befragt man Patienten nach ihren persönlichen Ausdrucksformen und Ideen von Spiritualität, so können mindestens sieben Faktoren ausfindig gemacht werden[ii]:

 

Spiritualität Abb2_Huth

Spiritual Care

Mit Spiritual Care ist zunächst einmal die (gemeinsame) Sorge um die Möglichkeit der Teilhabe und Teilnahme an einem als sinnvoll erfahrenen Leben gemeint. In diesem Zusammenhang ist an den Grenzen zwischen Medizin, Theologie/Seelsorge, Psychologie und auch Pflege eine noch sehr neue und junge wissenschaftliche Disziplin[iii]  entstanden, die sich interdisziplinär und stark patientenorientiert mit der Begleitung (schwerst-)kranker Patienten befasst. Es handelt sich dabei um eine ganzheitliche Versorgung erkrankter Menschen, bei der neben der medizinischen Versorgung auch das seelische Wohl im Mittelpunkt steht. Das Aufspüren, Entwickeln und Leben von Spiritualität ist eng geknüpft an Aspekte wie Sinnsuche und Trost, an die mentalen, emotionalen Bedürfnisse eines Menschen in einer Krankheitssituation.

Besonders im Falle einer Erkrankung erwacht bei vielen Menschen das Verlangen nach einer spirituellen Begleitung, einem spirituellen Halt, der dabei auch nicht immer rein religiös ausgeprägt sein muss. Insofern ist mit der Frage, was einen Menschen trägt und ihm Halt gibt, auch die Einsicht verbunden „Man kann nicht nicht spirituell sein“[iv]. Die Aufgabe von Spiritual Care ist dabei, die spirituellen Ressourcen, die jeder Mensch besitzt, freizulegen und im achtsamen Umgang mit der Individualität jedes Einzelnen zu fördern und dafür in der Achtung gegenüber der jeweiligen Religion oder Überzeugungen Raum zu schaffen – auf dem Weg zu Hoffnung und Vertrauen.

Spiritualität Abb3_Fragestellungen

Lebensqualität

Gut ist, was gut tut – in diesem Kontext mehren sich inzwischen auch die Hinweise aus der Wissenschaft, dass Spiritualität einen erheblichen Anteil bei Heilungsprozessen hat. So sieht der Heidelberger Biophysiker M.H. Niemz den Faktor Spiritualität als „Wahrheit, die von innen kommt“[v]. D.h. mittels Spiritualität schafft sich der Mensch seinen eigenen persönlichen, heilsamen, tröstlichen Kosmos, seinen sicheren Ort und aus dieser Perspektive heraus, kann sich auch der Glaube an sich selbst entwickeln (Selbstwirksamkeit!). Auf medizinischem Gebiet existieren bereits zahlreiche Studien, die eine positive Wechselwirkung zwischen Spiritualität und Lebensqualität belegen.[vi] So forschen der Mediziner E. Frick und Theologe T. Roser gemeinsam an Fragestellungen zur Wirksamkeit von Spiritualität insb. bei den Heilungs- und Gesundungsprozessen onkologischer Patienten.[vii] Hierbei hat sich auch bestätigt, dass vor allem Krankenhäuser als hochspirituelle Orte gelten, da in ihnen viele Prozesse der Krankheitsverarbeitung, des Bangens und Hoffens stattfinden. Befragungen haben ebenfalls gezeigt, dass Familie/Freunde, sowie Beschäftigte in Gesundheitsberufen und auch andere Unterstützer wie Seelsorger und Psychologen zu den häufigsten spirituellen Begleitern bei einer Erkrankung gehören.[viii]

 

 Heilung – von Cure zu Heal

Nicht immer können Mediziner dem Anspruch und der Erwartung gerecht werden, eine (vollständige) medizinische Heilung oder Gesundung zu leisten. Im deutschen Sprachgebrauch ist mit Heilung vordergründig erst einmal die physische Genesung gemeint. Im angloamerikanischen Raum trifft man dagegen auf eine sprachliche Differenzierung die den Fokus auch auf eine mentale Gesundung (u.a. mittels Spiritualität!), trotz physischer Einschränkungen lenkt und zulässt (engl. to heal). Denn es müssen in der medizinischen Realität nicht selten Kompromisse geschlossen werden, bei der sich eine Heilung eher auf emotionaler, denn auf physischer Ebene vollziehen muss[ix], vor allem dann wenn eine Erkrankung nicht vollständig kuriert werden kann und man künftig als Chroniker mit den Folgen, bzw. Begleiterscheinungen der Krankheit umzugehen hat – gemäß des bereits seit Jahrhunderten existenten Leitspruch der Cura Palliativa „Heilen manchmal, lindern oft und trösten immer“. Insofern befindet sich auch das Erleben und Praktizieren von Spiritualität in einem besonderen Prozess des menschlichen Daseins, in der ein Individuum entsprechende Bezugsgrößen braucht und sucht, eng gekoppelt an eine Sinnfindung, um sie dann für sich zur persönlichen Lebensphilosophie (Transzendenz) zu machen. Dies erleichtert den Umgang mit der Krankheit.[x]

 

Hoffnung

Spiritualität ist „jede Erfahrung, bei der Menschen sich mit dem (heiligen) Geheimnis des Lebens in Verbindung wissen, erklärt der Krankenhausseelsorger Erhard Weiher.[xi] Spiritualität erinnert daran, dass Wunder möglich sind, so wie in der Erzählung vom Hauptmann von Kafarnaum im Evangelium nach Matthäus (8,5-13) „Herr, ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst; sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund.“ Spiritualität schafft Hoffnung dass es irgendwie weitergeht, auch wenn Situationen ausweglos erscheinen, wie es Dietrich Bonhoeffer in seinem Bekenntnis „von guten Mächten treu und still umgeben“ beschreibt. Spiritualität ist somit ein wichtiges Schutzschild für alles, was den Menschen in seinem Leben an Widrigkeiten ereilen kann und ihm hilft dies zu überstehen.

von Dr. Iris Huth,
Psychoonkologin,
Lehrbeauftragte der FH Düsseldorf,
Sozialwissenschaftlerin,
Fachwirtin für das Sozial- und Gesundheitswesen,
Mediatorin
 

[i] Büssing, A. et al. Spiritualität, Krankheit und Heilung – Bedeutung und Ausdrucksformen der Spiritualität in der Medizin. VAS-Verlag für Akademische Schriften 1/2006, S. 31ff

[ii] Ebd.

[iii] Seit 2010 erstes Studienfach dieser Art an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit Lehrstühlen des Theologen Traugott Roser und des Psychoanalytikers Eckhard Frick, sowie des Mediziners Gian Domenico Borasio.

Frick, E./Roser, T. Spiritualität und Medizin. Gemeinsame Sorge für den kranken Menschen.

[iv] Vgl. www2.evangelisch.de Interview mit Traugott Roser „Man kann nicht nicht spirituell sein.“

[v] Niemz, MH. Sinn- Ein Physiker verknüpft Erkenntnis mit Liebe, Freiburg 2013 S. 45.

[vi] Büssing, A./Kohls, N. (Hrsg.) Spiritualität transdisziplinär. Wissenschaftliche Grundlagen in Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit. Berlin 2011.

[vii] Frick, E./Roser, T. Spiritualität und Medizin. Gemeinsame Sorge für den kranken Menschen. Stuttgart 2011.

[viii] Büssing, A./Kohls, N. (Hrsg.) ebd. 2011, S. 55ff

[ix] Frick, E. Sich heilen lassen. Würzburg 2011, S. 17ff.

[x] Wright, M. Hospice Care and Models of Spirituality, in: European Journal of Palliative Care 11/2004/ Heft 2, S. 75-78.

[xi] Weiher, E. Das Geheimnis des Lebens berühren. Spiritualität bei Krankheit, Sterben, Tod. Eine Grammatik für Helfende. Stuttgart  2008, S. 34.

Junge Menschen mit Krebs erleben eine mehrfache Existenzbedrohung

Pro Jahr erkranken circa 15.000 junge Frauen und Männer im Alter von 18 bis 39 Jahren an Krebs. Dabei werden die jungen Erwachsenen mit weit mehr als den unmittelbaren medizinischen Problemen konfrontiert.

Es entstehen besondere soziale und finanzielle Problemlagen, das Armutsrisiko ist signifikant erhöht. Im Rahmen der 7. Berliner Stiftungswoche diskutierten Mediziner aus dem Bereich der Onkologie, Sozial- und Rehabilitationsmedizin, Politiker aus dem Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages sowie Patientinnen und Patienten unter der Überschrift “Jung, an Krebs erkrankt und von Armut bedroht?“ im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin. Darüber hinaus stellte die Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs das bundesweit einzigartige “JUNGE KREBSPORTAL” vor.

Junge Menschen mit Krebs erleben eine mehrfache Existenzbedrohung

“Die Krebserkrankung nahm mir die Kontrolle über meine Zukunft”, fasste eine junge Patientin auf der Podiumsdiskussion zum Thema “Jung, an Krebs erkrankt und von Armut bedroht?”der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs Mittwoch (20.4.2016) im ARD-Hauptstadtbüro in Berlin ihre Situation zusammen. “Die diesjährige Stiftungswoche steht unter dem Motto ‘Von der Würde des Menschen’. Warum machen wir mit? Junge Krebspatienten geraten schnell in soziale und finanzielle Schieflagen. Lücken und Härten im Gesundheitssystem, der Abbruch von Ausbildung, Beruf oder Studium – all das kann schnell zu einer tatsächlichen Verarmung führen”, erklärt Prof. Dr. med. Mathias Freund, Kuratoriums-vorsitzender der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs.

Dabei, so Freund, sei Armut nie nur eindimensional. Armut hat existentielle Folgen und kann darüber hinaus aber auch zu sozialer Ausgrenzung führen. “Und wenn wir von Armut sprechen, müssen wir auch von Würde reden”, so Freund weiter.

An der in direkter Nachbarschaft des Bundestages stattfindenden Diskussionsrunde der bundesweit tätigen Stiftung nahmen junge Patientinnen und Patienten, die an Krebs erkrankt sind und mit der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs zusammenarbeiten, sowie Expertinnen und Experten, wie Prof. Dr. med. Mathias Freund, Priv.-Doz. Dr. med. Ulf Seifart, Chefarzt der DRV-Klinik “Sonnenblick” in Marburg, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Stiftung sowie wissenschaftlicher Leiter des Projektes JUNGES KREBSPORTAL der Stiftung und Tino Sorge, MdB, ordentliches Mitglied im Ausschuss Gesundheit des Deutschen Bundestages, Berichterstatter für Gesundheitswirtschaft und Gesundheitsforschung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, teil. Die bekannte Fernsehmoderatorin und Journalistin des Rundfunks Berlin-Brandenburg Britta Elm leitete die Runde. Gemeinsam mit dem Publikum diskutierten deren Teilnehmer über die Verbesserung der Situation von Krebspatientinnen und -patienten dieser speziellen Alterskohorte und zeigten konkrete Lösungsansätze auf.

“Erkrankte sollten sich zunächst ausschließlich ihrer Heilung widmen können und sich nicht Gedanken über soziale und berufliche Stigmatisierung oder wirtschaftliche Schwierigkeiten machen müssen. Dies bedingt verstärkt auch psychoonkologische Betreuungsangebote sowie Unterstützungshilfen, z.B. in berufs-, kranken- und renten-rechtlichen Fragen”, sagt der Bundestagsabgeordnete Sorge und ergänzt: “Gleichzeitig müssen Forschungsanstrengungen, aber auch unsere sozialen Sicherungs- und Informationssysteme, junge Krebserkrankte stärker in den Fokus rücken. Über die psychischen und physischen Belastungen hinaus, stellt eine Krebserkrankung junge Patienten gerade im Hinblick auf die familiäre und berufliche Lebensplanung vor zusätzliche Herausforderungen. Wir brauchen neben einer offensiveren öffentlichen Debatte umfassendere Unterstützungsangebote für diese Patientengruppe.”

Die Diagnose Krebs bedeutet für junge Menschen eine mehrfache existenzielle Bedrohung – nicht nur gesundheitlich, sondern auch finanziell und sozial. Die Auswirkungen der durch die Krebserkrankung erzwungenen Unterbrechung von Ausbildung oder Studium spielen eine sehr große Rolle. Das Bedürfnis, nach der Erkrankung in den Arbeitsmarkt zurückzukehren oder überhaupt erst aufgenommen zu werden, ist immens.

“Wenn man vorher nicht schon ausgebildet war oder gearbeitet hat und damit mindestens zwei Jahre in die Rentenversicherung einzahlte, ist man ziemlich ‘aufgeschmissen’. Und der Weg zurück zu den Eltern fällt vielen schwer – wenn er überhaupt möglich ist. Sollte man vor dem Studium schon in die Rente eingezahlt haben, scheuen sich viele, diese zu beantragen, da bei einem positiven Krankheitsverlauf die Rückkehr in den Arbeitsmarkt deutlich schwieriger ist”, betont ein junger Patient aus eigener Erfahrung.

In der Podiumsdiskussion wurde auch das bundesweit einzigartige JUNGE KREBSPORTAL der Stiftung, das im November 2015 eröffnet wurde, präsentiert. Sozialmedizinerinnen und -mediziner bieten den jungen Betroffenen im Online-Chat, telefonisch oder im persönlichen Gespräch schnelle, unkomplizierte, kompetente und kostenlose Antworten auf Fragen aus ihrem privaten und beruflichen Alltag im Umfeld der Krebserkrankung. “Zu den Problemen und besonderen Bedürfnissen von jungen Erwachsenen mit Krebs gibt es in Deutschland viel zu wenig systematische Untersuchungen. Daher wird die Stiftung hier Pionierarbeit leisten, die Forschung in diesem Bereich fördern und so die überfälligen gesundheitspolitischen Debatten anstoßen. Wir werden konkrete Forderungen aufstellen und so dazu beitragen, bestehende Versorgungslücken zu schließen”, erklärt Freund.

Die Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs ist im Juli 2014 von der DGHO – Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e.V. gegründet worden. Ihre Arbeit ist als gemeinnützig anerkannt und wird ausschließlich aus Spenden finanziert. Junge krebskranke Erwachsene benötigen eine spezielle medizinische Behandlung und Versorgung. Die Stiftung setzt sich für die Verbesserung der Therapiemöglichkeiten und der Nachsorge junger Krebspatientinnen und -patienten ein und ist gleichzeitig Ansprechpartner für Patienten, Angehörige, Wissenschaftler, Unterstützer und die Öffentlichkeit.

Quelle: Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs

Spendenkonto:
Postbank, IBAN: DE57 1001 0010 0834 2261 04
BIC: PBNKDEFF

Gebärmutterhalskrebs: Individualisierte Nachsorge – Molekularer Fingerabdruck überführt erneute Krebsvorstufen

In einer klinischen Beobachtungsstudie untersuchen Wissenschaftler des Universitätsklinikums Jena eine neue Methode zur Nachsorge nach der operativen Entfernung von Krebsvorstufen am Gebärmutterhals. Dabei nutzen sie charakteristische DNA-Stellen, die bei der Verschmelzung des krebsauslösenden humanen Papillomvirus mit dem menschlichen Erbgut entstehen, als individualisierten Biomarker für den Nachweis wiederauftretender Krebsvorstufen. Die ATLAS Biolabs GmbH ist Projektpartner in der multizentrischen Studie, in die ab Mai insgesamt 670 Patientinnen eingeschlossen werden sollen und die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit insgesamt 750.000 Euro gefördert wird.

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In Deutschland werden jährlich etwa 90.000 Frauen wegen Krebsvorstufen am Gebärmutterhals operiert. Ob die von einer langanhaltenden Infektion mit Papilloma-Viren (HPV) verursachte Gewebeveränderung erneut auftritt, wird in der Nachsorge anhand von Zelluntersuchungen und des Tests auf Virus-DNA regelmäßig kontrolliert. Diese finden mit großer Sicherheit eine eventuelle erneute Krebsvorstufe, schlagen aber auch oft Alarm, wenn es sich um eine harmlose HPV-Neuinfektion handelt. Um den Patientinnen diese Verunsicherung und klärende Folgeuntersuchungen ersparen zu können, testen Jenaer Wissenschaftler jetzt in einer klinischen Studie einen molekulargenetischen Nachweis, der zwischen einer HPV-Neuinfektion und Zellveränderungen aufgrund der ursprünglichen Virusinfektion unterscheiden kann.

„Bei der Entstehung von Krebsvorstufen kommt es häufig zur Verschmelzung zwischen dem Virus-Genom und dem menschlichen Erbgut. Diese Virus-Integrationsstellen sind für jeden Infektionsfall einzigartig“, erklärt Prof. Dr. Matthias Dürst von der Universitätsfrauenklinik Jena die wissenschaftlichen Grundlagen des Verfahrens. „Diese charakteristischen Spuren wollen wir wie einen Fingerabdruck nutzen und als molekularen Marker verwenden.“ Der Molekularbiologe leitet die klinische Studie mit deutschlandweit 14 Zentren. In diesen sollen ab Mai 2016 etwa 670 Patientinnen in die Untersuchung aufgenommen werden, denen Krebsvorstufen am Gebärmutterhals entfernt werden mussten.

Molekularer Fingerabdruck als individueller Biomarker

Bei diesen Patientinnen wird als individueller Biomarker die Integrationsstelle der Virus-DNA für die Zellen des entfernten Gewebes bestimmt, also der Fingerabdruck ihrer Krebsvorstufe. Matthias Dürst: „Das wird durch eine hochspezifische Anreicherungsmethode in Verbindung mit einer modernen Hochdurchsatz-Sequenzierung möglich, die am Deutschen Krebsforschungszentrum entwickelt wurde.“

Kooperationspartner hierfür ist die ATLAS Biolabs GmbH in Berlin und Köln. Im Verlauf von zwei Jahren werden dann die Befunde des normalen Nachsorgeprogramms, das die Patientinnen durchlaufen, verglichen mit dem Test auf diesen individuellen Biomarker. Ergibt dieser eine Übereinstimmung zwischen der entfernten Krebsvorstufe und dem Nachsorgeabstrich, so handelt es sich um ein erneutes Auftreten der Erkrankung. Der Nachweis von HPV-DNA ohne passendes Integrationsmuster bedeutet eine Neuinfektion, die zunächst keine weitere operative Abklärung erfordern würde. „Auf diese Weise wollen wir künftig zahlreichen Frauen unnötige Aufregung und Operationen ersparen“, so Prof. Dr. Ingo Runnebaum, Direktor der Universitätsfrauenklinik Jena.

Die Klinik bietet Patientinnen mit Krebsvorstufen eine spezialisierte Dysplasie-Ambulanz an, die als erste in Deutschland von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert wurde. Im vergangenen Jahr wurden hier etwa 1800 Patientinnen betreut, mehr als 170 von ihnen mussten wegen einer schwergradigen Krebsvorstufe des Gebärmutterhalses operativ behandelt werden.

Das auf insgesamt vier Jahre angelegte Studienprojekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit insgesamt 750.000 Euro gefördert. „Unser Ziel ist es, die diagnostische Genauigkeit des neuen molekularen Biomarkers zu belegen und den Test als individualisierte Krebsnachsorgemöglichkeit in der Klinik zu implementieren“, so Professor Dürst. Dr. Karsten R. Heidtke, Forschungsdirektor der ATLAS Biolabs GmbH, ergänzt: „Dank des Technologietransfers und der interdisziplinären Zusammenarbeit können aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zügig in die Laborpraxis umgesetzt werden. Das ist ein vielversprechender Weg, neue innovative HPV-Prüfverfahren zu etablieren und zu erweitern“.

Quelle: Universitätsklinikum Jena

Darmkrebs in der Familie? Früherkennung tut Not!

Obwohl Familienangehörige von Patienten mit Darmkrebs eine Hochrisikogruppe für die Entwicklung von Krebserkrankungen des Dickdarms und Enddarms sind, fallen sie im deutschen Gesundheitswesen noch zu oft durchs Raster. Anlässlich des Darmkrebsmonats rufen die niedergelassenen Krebsspezialisten dazu auf, Darmkrebspatienten und deren Familien konsequent über den enormen Nutzen der Krebsfrüherkennung bei Angehörigen von Darmkrebspatienten zu informieren, um so das Risiko zu verringern.
BNHO_Darmkrebs in der Familie_Früherkennung
Der Darmkrebs ist sowohl bei Männern als auch bei Frauen die zweithäufigste Krebserkrankung der inneren Organe. Im Laufe des Lebens erkrankt einer von 14 Männern und eine von 18 Frauen daran. “Wird die gesamte Lebensspanne betrachtet, beträgt das Risiko, einen Darmkrebs zu entwickeln, über alle Bevölkerungsgruppen hinweg etwa fünf Prozent
(1)“, betont Dr. Michael Eckart aus Erlangen, Mitglied im Vorstand des Berufsverbands der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland – BNHO e.V..

Bei drei von zehn Patienten gab es schon Darmkrebs in der Familie
Doch nicht bei allen Menschen ist das Risiko gleich hoch. Alte Menschen erkranken häufiger an Darmkrebs als jüngere Menschen. Männer erkranken früher als Frauen. Besonders gefährdet sind Familienangehörige von Darmkrebspatienten, vor allem Eltern, Kinder und Geschwister. “Sie haben im Vergleich zu Menschen aus Familien ohne Darmkrebserkrankungen ein deutlich erhöhtes Risiko, selbst einen Darmkrebs zu entwickeln”, betont Eckart. In Deutschland finden sich bei knapp 30% aller Patienten mit Darmkrebs Familienangehörige, die ebenfalls an Darmkrebs erkrankt waren (2).Das heißt: Jeder dritte Darmkrebspatient hat statistisch gesehen einen nicht erkannten Darmkrebsfall in der eigenen Familie.

Verwandte ersten Grades haben doppelt so hohes Risiko
Wie hoch das Risiko der Familienangehörigen von Darmkrebspatienten ist, hängt davon ab, um welche Darmkrebsform es sich handelt und wie eng das Verwandtschaftsverhältnis ist. Bei der großen Mehrheit der so genannten sporadischen, also nicht direkt erblichen Darmkrebsformen ist das Risiko für Verwandte deutlich erhöht: “Wir gehen davon aus, dass das Risiko bei Verwandten ersten Grades von Darmkrebspatienten zwei- bis dreimal so hoch ist. Tritt der Darmkrebs vor dem 60. Lebensjahr auf, ist es sogar drei- bis vierfach erhöht (1)“, so Eckart.

Bewusstsein für familiäres Darmkrebsrisiko schärfen
Vor dem Hintergrund dieser Zahlen möchte der BNHO Darmkrebspatienten für das erhöhte familiäre Darmkrebsrisiko sensibilisieren und ihre Familienmitglieder zur frühzeitigen Vorsorge motivieren. Gleichzeitig appellieren die niedergelassenen Krebsspezialisten an alle Ärzte, die mit Darmkrebspatienten in Kontakt kommen, diese nicht nur allgemein darüber aufzuklären, dass Darmkrebs in Familien gehäuft auftreten kann. “Stattdessen muss aktiv nach Angehörigen gefragt werden, und alle Indexpatienten sollten Informationsmaterial für jeden näheren Angehörigen erhalten”, so der BNHO-Vorsitzende Prof. Dr. Stephan Schmitz.

Das Medizinsystem hat bisher für die systematische Einbeziehung der Verwandten keine Möglichkeiten geschaffen. Eine weitere wichtige Rahmenbedingung wäre die Vernetzung und Integration verschiedener ärztlicher Fachgruppen bei der Behandlung und Erkennung des familiären Risikos. Eine solche Zusammenarbeit würde nicht nur ermöglichen, frühzeitig Patienten mit Risiko zu identifizieren, sondern bereits Erkrankten eine qualitativ optimierte Versorgung zukommen zu lassen.

Quelle: Berufsverband der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland – BNHO e.V.