Rehabilitation bei Prostatakrebs

Krebsmagazin – Ausgabe Mai 2010
Interview mit Dr. med. Dr. phil. Stefan Buntrock Klinik am Kurpark

Welchen Stellenwert besitzt die Rehabilitation nach Prostata-Ca und mit welchen Problemen kommen die meisten Männer nach einer operativen Prostataentfernung zu Ihnen?

Für die Genesung von Patienten, die wegen eines Prostatakarzinoms behandelt wurden, ist die Reha oder Anschlussheilbehandlung (AHB) eigentlich unabdingbar, weil die Behandlung vielfach Nebenwirkungen hinterlässt und zwar in variabler Art und Weise. Zu den größten Problemen nach einer Operation gehören Inkontinenz und Impotenz. Grundsätzlich lässt sich sagen, das fast jeder große Eingriff in den menschlichen Körper eine (vorübergehende) Beeinträchtigung der Lebensqualität mit sich bringt. Eine Rehamaßnahme kann Betroffenen hier wichtige Hilfestellungen leisten. Am Beispiel von großen internationalen Studien konnte gezeigt werden, dass die Kontinenzraten nach 3 und 12 Monaten sich bei Patienten mit Reha deutlich (signifikant) höher darstellen als bei Patienten, die keine Rehamaßnahme genutzt haben.

Mit „Beckenbodengymnastik“ wird vielen Patienten mit Inkotinenzproblemen geholfen, ihre Kontinenz zurück zu erlangen. Im Rahmen einer Patientenbefragung unseres Krebsmagazins im Jahr 2007 haben wir von einigen Patienten einen Hinweis darauf bekommen, dass Patienten, die schon vor ihrer Operation Beckenbodengymnastik betrieben haben, deutlich eher kontinent sind, als Patienten die dies erst nach der Operation während der Anschlussheilbehandlung in der Reha erlernten. Teilen Sie diese Einschätzung?

Eine interessante und aktuelle Frage. Jüngst ist eine Publikation dahingehend erschienen.

Eine Forschergruppe um Antonia Centemero und Lorenzo Rigatti aus dem italienischen Mailand veröffentlichten im Februar 2010 die Ergebnisse einer Untersuchung, die Ihre Vermutung untermauert. Die italienischen Forscher unterteilten ein Kollektiv von 118 Prostatakrebspatienten in zwei Gruppen, von denen eine „aktive“ bereits vor der Operation mit dem Beckenbodentraining begann und dies nach der Operation fortsetzte und die andere Kontrollgruppe ausschließlich erst nach der Operation das Beckenbodentraining aufnahm.

Tabelle InkontinenzratenPatienten, die vor der Operation mit dem Beckenbodentraining beginnen, profitieren mit 59,3% nach drei Monaten demnach deutlich gegenüber den Patienten, die erst nach der Operation das Beckenbodentraining (37,3%) begannen.

Bei diesen Zahlen fällt jedoch auf, dass auch in der aktiven Gruppe immer noch fast 40 % Probleme mit der Inkontinenz haben. Wie sehen Sie das?

Ein weiterer wichtiger Aspekt erscheint mir in diesem Zusammenhang auch in der Unterstützung und Anleitung der Patienten durch erfahrene Therapeuten zu liegen. Gerade hier können Patienten von einer AHB profitieren. Breits 2008 untersuchte Mari Oevergard mit ihrer norwegischen Forschergruppe von der Universität Trondheim den Einfluss von Physiotherapie auf die Kontinenzraten im Anschluss an die Operation. Diejenigen, die regelmäßig physiotherapeutisch geschult wurden, waren bereits nach 6 Monaten kontinenter als die, welche nur eine Einführung in das Beckenbodentraining erhalten hatten.

Kontinenzraten Tabelle 2Lohnt es sich sportlich aktiv zu sein?

Körperlich aktive Menschen, also Personen die sich im Trainingsstatus befinden, werden wesentlich schneller kontinent als andere, die nicht trainieren. Dies unterstreicht also auch den Stellenwert des Trainings selbst im höheren Alter.

Gibt es einen Zusammenhang von Fitness und Potenz oder Kontinenz?

Generell kann man glaube ich sagen: „Fitness geht unter die Gürtellinie“. Bei körperlicher Fitness denkt man häufig nur an Herz-Kreislauf Erkrankungen, aber auch die Funktion der Urogenitalorgane kann durch Fitness deutlich positv beeinflusst werden.

Seit kurzem gibt es die Da Vinci – Roboter OP-Methode. Verursacht diese Methode Nebenwirkungen?

Es ist ja kein Roboter der hier operiert, sondern ein Mensch. Insofern kann die Bezeichnung „Roboteroperation“ leicht in die Irre führen. Ich würde mir künftig Geräte wünschen, die unter Aufsicht und Kontrolle eines Arztes vollautomatisch operieren und erkranktes von gesundem Gewebe während der OP automatisch unterscheiden können. Dies ist jedoch noch Zukunftsmusik. Zur Zeit ist es so, dass die Maschinen noch immer vom Menschen gesteuert werden, dementsprechend zeigen auch die derzeitigen Studien, dass die Roboter nicht per se besser sind. Was besser ist, ist natürlich die Krankenhausverweildauer, sowie die Blutungen. In Zeiten knapper Ressourcen ist es natürlich positiv, wenn man durch moderne Verfahren eine Verkürzung von Liegezeiten erreichen kann und auch zu besseren kosmetischen Ergebnissen gelangt; das Allerwichtigste aus Patientensicht ist jedoch, dass er seinen Tumor vollständig los wird.

Mit welchen Nebenwirkungen haben Patienten zu rechnen, die nach einer Strahlentherapie zu Ihnen kommen?

Bei Männern die nach einer Strahlenbehandlung zu uns kommen, sind die Probleme andere. Die Strahlentherapie hat sich in den letzten Jahren jedoch deutlich gewandelt. Europaweit werden mehr Patienten strahlentherapeutisch behandelt und auch die Verfahren sind durch genaue Computerberechnung der Strahlenfelder genauer geworden. Dies bedeutet, dass man das Strahlenfeld besser eingrenzen kann und es daher im Vergleich zu früher seltener zu Nebenwirkungen kommt. Da bei der Bestrahlung der Prostata die Blase und der Enddarm im Strahlenfeld liegen, können sie durch die Strahlentherapie beeinflusst werden. Meistens ist das glücklicherweise nur vorübergehend. Nebenwirkungen sind dann z.B. teilweise blutige Durchfälle, gleichzeitiger Abgang von Wind und Stuhl, häufiges Wasserlassen oder Brennen beim Wasserlassen oder die Harnröhre und Harnleiter können sich strahlenbedingt verengen. In der aktuellen Literatur wird die Komplikationsrate mit bis zu 10% angegeben. Das ist glücklicherweise nicht sehr häufig, tauchen jedoch Probleme auf, können diese für Betroffene recht unangenehm sein.

Was können Sie Männern nach der Diagnose Prostatakrebs generell empfehlen?

In der Regel macht sich eine Radikalbehandlung des Prostatakrebses für den Betroffenen erst nach Ablauf von 10 Jahren „bezahlt“. So lange würde es für die meisten dauern, bis sie mit ihrem Tumor Probleme bekämen, würden sie sich nicht behandeln lassen. Meine generelle Empfehlung ist daher: sehen Sie zu, daß Sie in Zukunft gesund leben, um Ihr Risiko für andere schwere Erkrankungen auf ein Minimum zu senken. Wer die vier simpelsten Gesundheitsempfehlungen befolgt, kann schließlich die Wahrscheinlichkeit an einer ernsthaften chronischen Erkrankung wie Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs oder Diabetes zu erkranken selbst um 78 % senken.

Zu diesen Gesundheitsempfehlungen zählen:

1) nicht rauchen

2) wenig Alkohol

3) auf eine gesunde Ernährung achten (viel Obst und Gemüse, Vollkornbrot und geringer Fleischkonsum),

4) 3,5 Stunden je Woche körperliche Aktivitäten ausüben und

5) einen Bodymaßindex von unter 30 einhalten (Gewicht in kg dividiert durch Höhe in Metern zum Quadrat)

Das ist in gekürzter Form das bemerkenswerte Ergebnis der Potsdamer EPIC Studie aus dem Jahr 2009 und sollte uns allen Mut machen, aktiv für unsere eigene Gesundheit zu engagieren. Es lohnt sich!

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