Harninkontinenz nach Prostata OP Neue Transplantationmöglichkeit von Muskelzellen

Krebsmagazin – Ausgabe Februar 2007
Prof. Dr. Thomas Otto, Klinik für Urologie und Kinderurologie, Lukaskrankenhaus, Neuss

Eine Harnschwäche ist mit mehr als 2 Millionen Betroffenen allein in Deutschland ein sehr großes Problem. Häufig ist eine Schließmuskelschwäche Grund der Inkontinenz. Wir haben ein Verfahren zur Reparatur des Schließmuskels auf der Grundlage speziell kultivierter Muskelzellen entwickelt. Dieses Verfahren wird in der Fachsprache Tissue Engineering genannt. Durch die 4-8 wöchige Kultivierung von Muskelzellen im Brutschrank erhalten die Zellen eine besondere Befähigung zur gezielten Reparatur gestörter Organe. Bedingt durch die Tatsache das die kultivierten Muskelzellen ihren Zelltyp-Muskelzelle- beibehalten, werden die Zellen als autologe, unipotente Muskelzellen bezeichnet.

Das Verfahren kommt dabei ohne die Verwendung von Zellen fremder Organismen oder anderer Patienten aus. Selbstverständlich kommen auch keine Verfahren unter Verwendung embryonaler oder kindlicher Zellen zur Anwendung.

Die Methode wird unter Verwendung körpereigener Muskelzellen in der Behandlung der Harninkontinenz bei Frauen wie Männern angewandt.
Dabei wird eine winzige Muskelprobe (0,5 cm Kantenlänge) aus dem Oberarm oder dem Bauchdeckenmuskel entnommen. Im Brutschrank werden aus dem Muskelstück Einzelzellen gezüchtet, die über eine Spiegelung der Harnröhre gezielt und unter optimaler Sicht bei 35- facher Vergrößerung in den defekten oder geschwächten Schließmuskel injiziert werden. Nach maximal 12 Wochen haben die Zellen sich vor Ort in den Zellverbund integriert und übernehmen die spezifischen Aufgaben von Muskelgewebszellen in Harnröhre und Schließmuskel.

Darstellung einer aus körpereige-nem Gewebe gezüchtete Muskelzelle

 

Darstellung eines defekten und bestrahlten Schließmuskels vor

 

Darstellung des selben Schließmuskels 6 Monate nach Transplantation. Der Patient ist vollständig von seiner Harninkontinenz befreit.

Methodik
Mit Erhalt der Herstellungserlaubnis von Zelltherapeutika nach §4a Arzneimittelgesetzt , wurde basierend auf dieser Technologie eine zentrale Einrichtung für Tissue engineering gegründet. Die zentrale Einrichtung der Abteilung für Tissue engineering mit eigenem Geschäftsbereich(Sekretariat),Zellkulturlabor, Personal (ltd.Arzt, medizinisch technische Assistentinnen) organisiert folgenden Ablauf:

  • Aufklärung, Voruntersuchung inkl. Urodynamik und Terminvergabe zur Endoskopie und Gewebeentnahme.
  • U-Cystoskopie (Harnblasenspiegelung) in Resektions-/Operationsbereitschaft zur Beseitigung störender Narben.
  • Muskelgewebeentnahme
  • Berichtswesen zum Stand der Zellkultur an den Patienten.
  • Einbestellung zur Aufklärung durch Operateur und Narkosearzt zwecks Transplantation der Zellen.
  • Muskelzelltransplantation
  • Nachsorge
  • Information/Pressearbeit über Möglichkeiten, Ergebnisse und Weiterentwicklungen.<(li>

Zur Sicherung der Diagnose erhalten alle Patienten vor Transplantation eine Urodynamik, eine Urethrocystoskopie in transurethraler Resektionsbereitschaft gekoppelt mit einer Entnahme von 2x 0,5 cm Muskelgewebe aus dem Musculus deltoideus (Oberarm). Zellvereinzelung und Expansion erfolgen im angeschlossenen Labor. Nach Zellexpansion und Erreichen eines konfluenten Wachstums im Mittel nach 8 Wochen erfolgt die Transplantation der Zellen in den defekten Schließmuskel (M.sphinkter externus).
 
Ergebnisse
Uns wurden ausschließlich solche Patienten zugewiesen bei denen im Rahmen auswärtiger Voroperationen der Blasenschließmuskel und damit der Kontinenzapparat irreparabel zerstört worden war.
Alle Patienten waren 3.gradig inkontinent und mit Windelhosen versorgt. 81 Patienten (mittl.Alter:67Jahre) sind behandelt.Bei 30 Patienten liegen Ergebnisse mit einem Mindestnachsorgezeitraum von 6 Monaten vor. Die operativ bedingte Schließmuskelschädigung (Fachausdruck: iatrogene Sphinkterinsuffizienz) ist Folge einer Tumoroperation in der Regel radikalen Prostatovesikulektomie.  Die Zahl der in den Defekt injizierten Zellen beträgt 14.1×106  Zellen. Von den 81 transplantierten Patienten haben 30 Patienten den Nachbeobachtungszeitraum von sechs Monaten erreicht.4 Patienten sind kontinent und 12 Patienten sind deutlich gebessert. Bei 14 Patienten ist keine Veränderung oder Besserung eingetreten.
Bei dieser schwersten Form des Schließmuskeldefektes ist durch den Einsatz autologer Muskelzellen eine Heilung oder Besserung bei 16/30 Patienten eingetreten, ohne dass Komplikationen oder Nebenwirkungen auftraten.

Ausblick
Anwendung des Verfahrens bei allen Formen der Belastungsinkontinenz wodurch einer sehr großen Zahl von Patienten(allein in Deutschland wird die Zahl auf 200.000  in Frage kommende Patienten/Jahr geschätzt) aufwändige Operationsverfahren, der Einsatz von Kunststoffbändern oder langdauernde nebenwirkungsbehaftete medikamentöse Konzepte erspart werden können.

Fazit
Die Methode ist: 

  1. neu
  2. erfolgreich bei ca. 50% der Patienten 
  3. klinisch bedeutsam
  4. zahlenmäßig relevant (>200TSD Betroffene/Jahr)
  5. ethisch unbedenklich
  6. frei von schweren Nebenwirkungen

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