Die Krebsmedizin wird durch neue molekulare Techniken immer effektiver

Foto Prof. Dr. Dr. Jens AtzpodienKrebsmagazin – Ausgabe Februar 2012
Prof. Dr. Dr. Jens Atzpodien Niels-Stensen-Kliniken, Franziskus Hospital Klinik f. internistische Onkologie und Hämatologie

Bekanntermaßen entwickeln sich Tumore bei vergleichbaren Krebspatienten trotz identischer Diagnose und Medikation ganz unterschiedlich. So sind vor Therapiestart die späteren Behandlungsergebnisse bei Krebs bisher kaum abschätzbar gewesen. Mit modernsten Techniken ist es jetzt möglich, durch die Vorabuntersuchung des Patiententumors eine gezielte Auswahl wirksamer Krebsmedikamente zu treffen
 und das Behandlungsergebnis zuverlässig abzuschätzen. Dies eröffnet neue, bisher unerreichte Möglichkeiten gezielter und zugleich besser wirksamer medikamentöser Krebsbehandlungen. Diese positive Entwicklung basiert auf der Erforschung genetischer Veränderungen im Tumor und der Entwicklung hierzu exakt passender, also zielgerichteter „molekular“ wirkender Medikamente. Die häufigsten Tumore wie Lungenkrebs, Brustkrebs und Darmkrebs sind Vorreiter dieser hochmodernen, individuell auf die Patienten zugeschnittenen neuen onkologischen Behandlungstechnik.

Beispiel Lungenkrebs:
Mit modernster Tumordiagnostik können bei mindestens 50% der Patientinnen und Patienten mit nicht-kleinzelligen Lungentumoren genetische Veränderungen, sog. „Mutationen“, nachgewiesen werden, die das Krebszellwachstum antreiben. Die Mutationshäufigkeit hängt unter anderem vom Geschlecht, Alter, dem feingeweblichen Tumortyp und von der Risikovorgeschichte des jeweils Betroffenen ab. Mehrere dieser wachstumsfördernden Mutationen bei Lungenkrebs bieten jetzt erstmals Ansatzpunkte für den Einsatz zielgerichteter neuer Medikamente. Hierdurch wird – in der Regel in Tablettenform – immer dann eine Wachstumsblockade im Patiententumor ausgelöstet, wenn die Wucherung der Krebszellen mit einer entsprechenden Mutation im Tumor einhergeht. Auf diese Weise kann die stabile Krankheitszeit, in der sich der Krebs nicht weiter verbreitet, im Vergleich zu einer konventionellen Behandlung mit Zellgiften in etwa verdoppelt werden.

Beispiel schwarzer Hautkrebs:
Etwa die Hälfte aller Patientinnen und Patienten mit metastasierten Melanomen weisen eine für die Behandlung entscheidende Veränderung des sog. BRAF-Gens in ihrem Tumor auf. Ein neuer diagnostischer Test identifiziert diese genetische Veränderung im operierten Tumorpräparat. Zu diesem Zweck wird die gesamte Erbinformation (DNA) des Tumors isoliert und mit entsprechenden Gensonden untersucht. Eine solche Technik kann auch Jahre später an bereits vorhandenen Tumorpräparaten nachträglich durchgeführt werden. Wird die gesuchte genetische BRAFMutation im Patiententumor ausfindig gemacht, so existiert ein Angriffspunkt für ein hoch spezifisches neues Tumormedikament, einen sog. BRAF-Blocker. Dieses Medikament unterdrückt einen entscheidenden Wachstumsmechanismus der sich im Körper ausbreitenden Krebszellen. Aktuelle Behandlungsergebnisse zeigen, dass durch die gezielte onkologische Tumordiagnostik und Identifizierung genetischer Angriffspunkte bei schwarzem Hautkrebs eine massive Verbesserung des Behandlungserfolgs erzielt werden kann. Etwa 80 Prozent der Patienten, deren Melanom die gesuchte Veränderung aufweist, können mit einer Wirksamkeit des hierzu passenden hochspezifischen molekularen Krebsmedikaments rechnen. Dies heißt, dass sich gegebenenfalls auch Krebsabsiedlungen in Organen wie Lunge oder Leber zurückbilden.

Zusammenfassend:
Die aktuellen Entwicklungen der molekularen Krebsmedizin bieten Patientinnen und Patienten neue Behandlungschancen, die weit über das mit klassischer Chemotherapie Mögliche hinausreichen.
Die molekulare Medizin ist Schrittmacher einer umfassenden und zielgerichteten Krebsbehandlung, die mehr und mehr die Individualität jedes einzelnen Patienten in den Mittelpunkt stellt und heute mögliche Therapieerfolge mittels modernster onkologischer Technik kontinuierlich verbessert.

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