Schlafstörungen und Albträume richtig verstehen lernen
Ltd. Dipl.- Psych. Hans Günter Nobis MEDIAN Klinikum für Rehabilitation, Bad Salzuflen
Dezember 2008 Eine Krebspatientin berichtete wenige Monate nach einer erfolgreichen medizinischen Behandlung von häufigen Todes- bzw. Beerdigungsthemen in ihren Träumen. Sie nahm diese Träume „wörtlich“ und berichtete voller Angst ihrem Umfeld von dem sich nun nähernden Lebensende. Sie zeigte sich nach einem Gespräch „riesig erleichtert“, in dem ihr erklärt wurde, dass diese Träume nur ihre tiefen Ängste widerspiegeln und nicht etwa „Vorboten des Todes“ sind. Es ist eher ein Zeichen psychischer Stärke, wenn einem Menschen diese Ängste, zunächst durch Träume, bewusst werden. Nur so können wir sie verarbeiten.
So sehr wir uns nur „schöne“ Träume wünschen – wir dürfen nicht vergessen, dass Träume eine „reinigende“, d. h. geistig verarbeitende und psychisch stabilisierende Wirkung haben. Nicht jeden Traum sollte man allerdings als Spiegel der Seele verstehen, der uns unsere tiefsten Wünsche und Ängste offenbart. Ein Teil unserer Träume kann auch Reaktion auf Nervenreize sein, z. B. führt eine volle Blase evtl. zu einem Traum, in dem man eine Toilette sucht. Wir haben in jeder Nacht einen Wechsel von tiefem und flachem Schlaf. Der „flache“ Schlaf, aus dem wir leichter aufwachen können, hat zu Unrecht einen schlechten Ruf. Er repräsentiert die Phasen, in denen wir träumen. Erinnern können wir uns allerdings nur an die Träume, aus denen wir „erwachen“. Erholsamer Schlaf zählt zu den wichtigsten Voraussetzungen für unsere Gesundheit. Experten sagen, dass bis zu 90 % aller Schlafprobleme „seelisch“ bedingt sind. Bereits alltäglicher Kummer oder auch Begeisterung können uns innerlich derart „aufwühlen“, dass sich vorübergehend kein Schlaf einstellen will.
Das Einschlafen erfolgt über mehrere Stufen der „Versenkung“, die wir nicht bewusst miterleben. Bei einer dieser Einschlaf-Stufen kann es passieren, dass wir erleben, wie unser Körper einen Traumgedanken so „miterlebt“, dass wir von der „ruckartigen“ Muskelbewegung erwachen. Beim Einschlafen kann es also bei stärkeren äußeren oder inneren Reizen zu reflektorischen Muskel- „Zuckungen“ kommen – besonders nach einem stressigen Tag oder nach einer „angespannten“ Abendgestaltung (belastende Filme, Streit, usw.). Wenn sich das Gehirn mehr und mehr von den Außenreizen distanziert hat, folgen die erste Tiefschlafphase und danach ein stetiger Wechsel von tiefen und flachen Schlafphasen. Die Länge der jeweiligen Phasen ist altersabhängig. Die Erforschung des Tiefschlafes bestätigte, dass sich in diesen Phasen der Körper besonders erholt und stärkt, sich gegen Krankheiten wehrt und z. B. Kinder mit „Wachstumsimpulsen“ versorgt. Tiefschlaf- „Mangel“ führt zu einer allgemeinen körperlichen Schwächung – auch des Immunsystems. Gerade diese Tatsache macht den Schlaf so bedeutend für die Frage, was jeder selbst dazu beitragen kann, seine Gesundheit zu fördern.
Der Griff zur Schlaftablette erscheint oft als einzige Lösung, um wieder ruhig schlafen zu können. Doch es geht auch anders, gesünder! Ablenkung z. B. durch Bücher, beruhigende Musik oder Entspannungsübungen ist bei Einschlafstörungen hilfreich.
Komplizierter zu ergründen sind die Durchschlafstörungen. Neben Umweltfaktoren (Lärm, Temperatur, Alkoholgenuss) und körperlichen Ursachen (Schmerzen, Schnarchen, Stoffwechselstörungen, Herz-Kreislauferkrankungen) seien aus psychologischer Sicht zwei der häufigsten Gründe für hartnäckige Durchschlafstörungen genannt – „versteckte Trauer“ und „versteckte Angst“.
Eine Mutter von zwei erwachsenen Kindern meldete sich mit Durchschlafstörungen, die genau seit einem Jahr bestanden. Ärztliche Untersuchungen ergaben keine Auffälligkeiten. Immer wieder bestätigte sie, dass sie eine glückliche Ehefrau, geschätzte Kollegin und stolze Mutter sei. Dann aber stellte sich heraus, dass beide Kinder ein Jahr zuvor von zu Hause ausgezogen waren. Diesen „Abschied“ und das daraus resultierende Gefühl des „Nachtrauerns“ hatte sie noch nicht verarbeitet.
Eine andere Frau hörte im Halbschlaf ein eigenartiges „Knistern“ und dachte zunächst an die Bäume im Sturm. In der Sorge um die Sonnenschirme wurde sie richtig wach und sah, dass nicht ein Sturm die Bäume „schüttelte“, sondern dass ein nahe liegender Bauernhof lichterloh brannte. In der Folgezeit stellten sich bei ihr, besonders bei stürmischem Wetter, Durchschlafstörungen ein. Die Fragen der Ärzte nach Sorgen und Stress verneinte sie und auch körperliche Ursachen konnten nicht gefunden werden. Was war passiert? Im „Unterbewusstsein“ hatte sich das „Knistern“ als „gefährliches“ Geräusch eingeprägt und immer, wenn die Bäume vor dem Fenster in stürmischer Nacht „knisterten“, wurde ihr Schlaf – infolge ihrer „versteckten Angst“ unruhiger. Ähnliches kennen ja auch die Mütter von Kindern, die noch sehr klein oder krank sind.
Ganz ausdrücklich muss darauf hingewiesen werden, dass in beiden Fällen erst das klärende Gespräch („sprechende Medizin“) das (Heil-) Mittel der Wahl war.
Übrigens: Der Schlaf im Alter wird als besonders „leicht“ empfunden („habe die ganze Nacht kein Auge zu gemacht“). Das ist absolut normal, denn 50 % des Gesamtschlafes einer Nacht verbringt der Erwachsene in flachen Schlafphasen, die bei alten Menschen sogar noch weiter zunehmen. Dadurch entsteht der Eindruck, „man habe die ganze Nacht gegrübelt“, oft sind es dann aber nur lebensnahe Träume gewesen.
Schließlich sei noch betont, dass unsere Ernährungsgewohnheiten einen weitaus größeren Einfluss auf die Schlaffähigkeit nehmen, als wir allgemein ahnen. Wir, das vernetzte Wesen aus Körper, Geist und Seele, reagieren hoch sensibel auf Unterlassungssünden hinsichtlich der Versorgung mit wichtigen Vitaminen und Mineralstoffen.
Wie sagte eine 53-jährige Schulsekretärin kurz vor Ende ihre Krebsnachsorgebehandlung: „Ich hatte mir bezüglich meiner langjährigen Schlafstörungen keine Hoffnung gemacht und war sogar am Überlegen, das vom Hausarzt empfohlene „Heilverfahren“ wieder abzusagen. Heute bin ich froh, denn meine Schlafqualität hat sich deutlich verbessert. Dazu beigetragen hat auch das vermittelte Wissen über den Schlaf, dadurch hat die Nacht ihren Schrecken verloren. Allerdings musste ich dafür auch meine bisherige Einstellungen und Gewohnheiten hinterfragen und bereit sein für Veränderungen“.