Rehabilitation nach Krebs – Interview mit Professor Schröck 
 Prof. Dr.
 Rudolf Schröck
 Paracelsus-Klinik
 Scheidegg
 
 „Kenngrößen“ der Reha-Bedürftigkeit II:
Spezielle Krankheits- und Therapiefolgen
beim Mammakarzinom


  • Funktionsdefizite im Schulter-Armbereich
  • Schmerzen, Serome, Wundheilungsstörungen,
  • Einschränkungen bei Alltagsfunktionen u. Mobilität
  • Fatigue, Polyneuropathie, Arthralgien (AI)
  • Menopausensyndrom, Antikonzeptionsfragen
  • Angst vor Tumor-Rezidiv oder Progression,
  • Depression, neurokognitive Störungen nach ChT
  • sozialer Rückzug, Ausgrenzung u. a.
                                                                                   RS 2008
Dezember 2008
Welche Patienten nutzen am häufigsten eine Rehabiliationsmaßnahme bzw. Anschlussheilbehandlung (AHB)?

Die häufigsten Krebserkrankungen die zur Reha bzw. AHB führen sind Brustkrebs, gynäkologische Tumore, Krebserkrankungen im Verdauungsbereich sowie im urologischen Bereich. Alle diese Erkrankungen werden heute mit umfangreichen therapeutischen Maßnahmen wie Operation, Strahlen- und Chemotherapie, teils auch mit Antihormontherapie und/ oder Antikörpertherapie kombiniert (multimodal) behandelt. Dies führt zu einem umfangreichen Spektrum von Behandlungs- und Krankheitsfolgestörungen. Rehakliniken haben sich darauf spezialisiert, mit Hilfe geeigneter Programme dauerhafte Störungen für die Patienten vermeiden zu helfen. Hier geht es sowohl um körperliche, als auch um emotionale und soziale Folgestörungen. Ein interdisziplinäres, also fachübergreifendes Team, bestehend aus Physiotherapeuten, Diätassistentinnen, Sozialarbeitern, Ergotherapeuten, Psychoonkologen, Stomatherapeuten sowie Ärzten aus verschiedenen Fachrichtungen arbeiten dabei eng an der Umsetzung einer zielorientierten Raha-Planung zusammen. Neben den Therapien werden durch Informations- und Schulungsmaßnahmen Hilfestellungen gegeben, um auch noch Zuhause Krankheitsfolgestörungen weiter zu überwinden.

Welchen Stellenwert haben Sport und Ernährung im Rahmen der Rehabilitation?
Es gibt neue Studiendaten aus den USA , die aufzeigen, dass Brustkrebspatientinnen, die nach primärer Behandlung an einer lang andauernden diätetischen Betreuung mit Fettreduktion teilgenommen haben, eine deutliche Verbesserung ihrer Prognose aufwiesen (Minderung der Rückfallquote um 2,6%). Das Besondere hierbei war, dass im Gegensatz zu anderen Studien, die das bislang nicht nachweisen konnten, auch eine Gewichtsabnahme stattfand, welches vermutlich von Bedeutung ist. Der Stellenwert der Bewegungstherapie in Form von Ausdauertraining findet mittlerweile international ebenso große Anerkennung: So fand in St. Gallen 2007 die Empfehlung zu „physical exercise“ für Brustkrebspatientinnen 100% Zustimmung der Experten.
  
Was wirkt**? Was nützt?
 
 Krankengymnastik  LOE III (PBE*)
 Lymphödemtherapie  LOE IV (PBE*)

 Entspannungsverfahren

 LOE I

 Bewegungstherapie

 LOE I
 Information/Motivation  LOE I

 „Schulungen"

 LOE I

 Ernährungsschulungen

 LOE II

 Psychoonk. Intervention

 LOE I

 Kreativtherapie

 LOE III

 Sozialberatung

 LOE V (PBE*)

 Beruiche Integration

 LOE IV (PBE*)

 Organisation Reha-NS

 LOE IV (PBE*)

 Ergotherapie/Sens.-Tr.

 LOE V (PBE*)

 „Massagen"

 LOE V (PBE*)
     
  *PBE: "Praxisbasierter Nachweis"
  **14 Therapiemodule. n. Weis et. al. 2006                     
                                                                      RS 2008
LOE entspricht dem Grad des "wissenschaftlichen" Nachweises (Evidenz) und PBE entspricht den auf Praxiserfahrungen beruhenden Erkenntnissen, wobei es die Grade 1 (bewiesen) bis 5 (unbewiesen) zu unterscheiden gibt.
Folglich sind jetzt die traditionellen Schwerpunkte onkologischer Rehakliniken in Form von Bewegungs- und Sporttherapie sowie Schulung zu gesünderer Ernährung wissenschaftlich noch besser begründe.
Es erscheint also wichtig, dass diese Schulungs- und Aufklärungsmaßnahmen in der Rehabilitation wirklich erfolgreich auch für die Langzeitprognose der Patientinnen sind! (s. auch „level of evidence“, wissenschaftliches Niveau des Nachweises von I-V in der Abbildung). Deshalb sollte man die in der Rehabilitationsphase gelernten sportlichen Übungen und die ernährungsbewusste Umstellung unbedingt auch Zuhause konsequent fortsetzen. Hier liegen mittlerweile überzeugendere Nachweise vor als für viele andere sogenannte komplementäre Maßnahmen aus der Pharmakologie. Allerdings erfordert dies ein aktives Engagement der Betroffenen im Gegensatz zur bloßen, bequemeren Einnahme von Präparaten! An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass es sich dabei nicht um spezielle Krebsdiäten handelt, sondern um eine gesundheitsbewusste Ernährung nach den Richtlinien der jeweiligen medizinischen Fachgesellschaften wie der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Diese gleich lautenden Empfehlungen beinhalten im wesentlichen eine Reduktion der tierischen Fettaufnahme und eine Erhöhung des Fischkonsums sowie eine Orientierung auf die sogenannte mediterane Kost. Dies ist eine gesunde Ernährung für jedermann, also nicht alleine eine Empfehlung für Menschen nach Krebserkrankung.

Welche Rolle spielt heute noch die Lymphödemtherapie?
Nach wie vor besitzt die Lymphödemtherapie insbesondere nach Brustkrebsoperationen oder Bauch- operationen mit umfangreicheren Lymphknotenentfernungen einen Stellenwert. Allerdings treten durch neue Operationstechniken wie der Sentinel Node Biopsie, bei der die Wächterlymphknoten entfernt werden, nicht mehr so häufig Lymphödeme auf wie früher. Es gibt jedoch nach wie vor Patientinnen, bei denen erkrankungsbedingt Lymphknoten umfangreicher entfernt werden müssen oder bei denen durch fortschreitende Erkrankung ein Lymphödem mit entsprechenden Beschwerden auftritt. Absolut gehen daher zwar die Zahlen erforderlicher Lymphtherapien zurück, bei klinischer Symptomatik ist sie jedoch nach wie vor eine ganz wichtige und aufwändige Therapie. Unverändert kontrovers wird immer noch die Indikation und Bedeutung sogenannter prophylaktischer Lymphtherapie diskutiert: Während die meisten Ärzte die Indikation zur Lymphtherapie nur bei Vorliegen von Beschwerden und/oder einer Umfangdifferenz der Extremitäten von über 2 cm sehen, erwarten andere durch eine sofort nach der Operation einsetzende Therapie einen prophylaktischen Nutzen insofern, dass ein späteres Auftreten eines Lymphödems vermieden werden soll. Eindeutige wissenschaftliche Nachweise zur Klärung dieser wichtigen Frage fehlen leider!


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Rubrik: Aktuell 2008
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