Prof. Dr. Wolfgang Wagner, Herausgeber Krebsmagazin, Paracelsus Strahlenklinik, Osnabrück
Februar 2009
Strahlentherapie – im Vergleich zur Radioimmuntherapie: Die herkömmliche Strahlentherapie (links im Bild) nimmt jeweils einen Tumorzellkomplex von aussen ins Visier. Bei der Radioimmuntherapie erkennen die Antikörper sozusagen von selbst, wo im Körper Lymphomzellen sind und zerstören diese.
Die Moderne selektive Radionuklidantikörper-Therapie mit Ibritumomab tiuxetan In einer kontrollierten Studie wurde beim neu diagnostizierten follikulären Non-Hodgkin-Lymphom im Stadium III und IV eine Induktionschemotherapie eingeleitet. Bei Patienten, die ansprachen (komplette oder teilweise Tumorrückbildung), wurde ein Teil der Patienten mit 90 Yttrium Ibritumomab tiuxetan behandelt, die anderen Patienten wurden lediglich kontrolliert. Der primäre Endpunkt der Studie war das progressionsfreie Überleben, also Überleben ohne weiteres Wachstum des Tumors. Weitere Endpunkte waren das Gesamtüberleben, die Rate an kompletten Tumorrückbildungen sowie die Verträglichkeit und die Lebensqualität. Die Chemotherapie bei diesen Patienten bestand in der Gabe verschiedener Medikamente in Kombination mit dem Antikörper Rituximab. Bezüglich der Nebenwirkungen kann gesagt werden, dass die Ibritumomab tiuxetan-Konsolidierungen gut vertragen wurden. Es traten keine unvorhergesehenen Toxizitäten auf. Im Studienarm mit Ibritumomab tiuxetan wurde nur eine geringe Anzahl von Infektionsereignissen trotz hohem Anteil an Patienten mit Grad III bis IV Leukozyten- Depressionen gesehen (Abfall der weißen Blutkörperchen). Auch die Lebensqualitätsparameter waren in beiden Studienarmen gleich.
Es wurden folgende Ergebnisse dokumentiert: Durch die zusätzliche Gabe von Ibritumomab tiuxetan in der Konsolidierung konnte die komplette Tumorrückbildungsrate um ca. das Doppelte verbessert werden. Es wurden teilweise komplette Tumorrückbildungsraten von 100 % erreicht. Das mediane tumorwachstumsfreie Überleben wurde durch die zusätzliche Gabe von Ibritumomab tiuxetan hoch signifikant verbessert, und zwar mit einem Median von 37 Monaten im Gegensatz zu 13,5 Monaten in der Kontrollgruppe der Patienten, die eben kein Ibritumomab tiuxetan nach der Chemotherapie erhalten hatten. Die Verbesserung der Ergebnisse betrifft insbesondere Patienten in den intermediären oder Hochrisikogruppen. Gerade diese Patienten profitieren besonders von einer zusätzlichen primären Konsolidierungsbehandlung mit Ibritumomab tiuxetan. Die Ibritumomab tiuxetan-Konsolidierung verlängerte das mediane tumorrwachstumsfreie Überleben um ca. zwei Jahre im Vergleich zu den Patienten, die keine weitere Therapie erhielten. Außerdem konnte in dieser Studie belegt werden, dass die Ibritumomab tiuxetan-Konsolidierung in allen Untergruppen des follikuären Lymphoms zu einer Verlängerung des Überlebens führte.
So funktioniert die Radioimmuntherapie: Der Antikörper mit der radioaktiven Substanz im Gepäck dockt an die Lymphomzelle (bösartige Krebszelle) an und zerstört sie. Die Krebszelle stirbt den Strahlentod.
Unterm Strich lässt sich zusammenfassen, dass die Konsolidierung der Behandlung durch Ibritumomab tiuxetan in der Primärtherapie eine hohe Effektivität und eine hohe Verlängerung des Überlebens mit sich brachte. Seit 2004 ist in Deutschland diese völlig neuartige Behandlung zugelassen, die aus der Kombination eines Antikörpers mit einem flüssigen Strahler besteht. Der Antikörper Rituximab doggt selektiv an die Tumorzellen eines Non-Hodgkin-Lymphoms an und bringt quasi „Huckepack“ den flüssigen Strahler Yttrium 90 mit, der dann hochselektiv die Tumorzelle vernichtet. In den ersten Jahren wurde diese sehr effektive Behandlung allerdings nur bei Patienten eingesetzt, die sich in der sog. Rezidivsituation befanden, d. h., der Tumor war trotz Vorbehandlung wieder gekommen. Jetzt ist nachgewiesen, dass auch in der Primärbehandlung die Ergebnisse durch Einsatz von Ibritumomab tiuxetan, also durch Einsatz einer Radioimmuntherapie hoch signifikant besser werden, was für die betroffenen Patienten einen enormen Lichtblick darstellt.
Die Behandlung selber ist einfach und schnell durchgeführt, der Patient bekommt an einem fest definierten Tag den kalten Antikörper Rituximab in aller Regel durch seinen Onkologen infundiert; dies wird am Tag acht, also ca. eine Woche später noch einmal wiederholt, danach erfolgt dann innerhalb von vier Stunden die Gabe des an einen flüssigen Srahler gekoppelten Antikörpers in einer nuklearmedizinischen Abteilung. Nachteile der Behandlung sind, dass die Therapie sehr teuer ist und dass sie nur an wenigen Kliniken in Deutschland angeboten wird, auch auf Grund der hohen Strahlenschutzauflagen, die vom Gewerbeaufsichtsamt in aller Regel erteilt werden. Zum Nachlesen für Interessierte verweise ich auch an einen entsprechenden Artikel in Heft 2/2004.