Mit Krebs leben... lernen... und den eigenen Weg finden
Sabine Malinka, Sozialarbeiterin, Familientherapeutin, Psychoonkologin, Caritas Krebsberatungs- stelle Hannover
Februar 2009 Das Erleben einer Krebserkrankung ist von Mensch zu Mensch verschieden:
Frau E., 53 Jahre, ist vor vier Jahren an Harnblasenkrebs erkrankt. Sie lebt mit einer Ersatzblase. „Ich denke darüber nach wie der Krebs entstanden ist. Mich interessiert die Möglichkeit einer Selbsthilfegruppe nicht. Ich habe auch keine Kur gemacht. Ich rede lieber mit den Menschen die in meiner Nähe sind über meine Krankheit, weil so wenig darüber bekannt ist.“
Frau L., 60 Jahre, ist vor acht Jahren an Eierstockkrebs erkrankt und seither fast ununterbrochen in Behandlung. Vor vier Jahren gründete sie eine Selbsthilfegruppe. „Ich erlebe Momente von tiefer Traurigkeit und Verzagtheit, doch die Krankheit hat mich gelehrt im Jetzt zu leben und dieses Hier und Jetzt gestalte ich bewusst. Meine Lebensfreude und Lebenslust sind ungebrochen und das irdische Dasein, selbst das ja für alle Menschen begrenzt ist, ist lebendiger als je zuvor.“
Herr Z., 47, Jahre ist an Blasenkrebs erkrankt und befindet sich zur Zeit in einer Langzeittherapie. „Nach dem ersten Schock habe ich einen extrem starken Lebenswillen entwickelt. Ich nehme den Kampf auf. Ich akzeptiere die Krankheit und die Therapie. Das ist so eine Trotzreaktion bei mir. Jetzt erst recht! Nachdem meine Familie verstorben war, meine Partnerschaft zerbrach und ich arbeitslos wurde, war ich etwas lethargisch geworden. Die Krankheit hat mich wachgerüttelt, ich habe z.B. das Kochen entdeckt. Zum ersten Mal in meinem Leben ernähre ich mich bewusst.“
Angehörige berichten:
Ehefrau 64 Jahre: „ … ich bin so unsicher, ob ich mich richtig verhalte, ich will ihm doch helfen.“
Ehemann 55 Jahre: „ … es geht doch schon so lange gut, meine Frau hat es doch immer geschafft.“
Sohn und Tochter 34 und 36 Jahre: „ … wir finden unsere Mutter muss sich aktiver damit auseinander setzen, sie sollte sich auch professionelle Hilfe suchen.“
Die Aussagen von Krebserkrankten und ihren Angehörigen über den Umgang mit der Erkrankung und was die Krankheit in ihren Leben bedeutet sind sehr unterschiedlich. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten: Die Diagnose Krebs ist für alle ein Einschnitt in das bisherige Leben. Krebs trifft nicht nur den Körper, sondern den ganzen Menschen in all seinen Lebensbereichen. Nichts ist mehr wie zuvor. Widersprüchliche Gefühle kommen in Bewegung: Angst und Unsicherheit, aber auch Hoffnung und Zuversicht. Das ist in dieser Situation ganz normal, auch wenn sie ansonsten ein ausgeglichener Mensch waren. Als „Sturz aus der normalen Wirklichkeit“ wird dieses Erleben in der Psychoonkologie bezeichnet. Die Bewältigung der Krebserkrankung braucht Zeit. Und die Verarbeitung der Diagnose, die auch heute noch für viele eine existenzielle Bedrohung darstellt, hinkt der körperlichen Erholung nicht selten hinterher. Angehörige und Familien sind immer mitbetroffen, emotional und ganz konkret, weil sich vieles auch in ihrem Alltag ändert.
Die Bewältigung der Krebserkrankung braucht Zeit.
Wie kann ich mit der Erkrankung leben? Es gibt leider keine Patentlösung, die zu allen Betroffenen passt. Jeder Mensch ist einzigartig und bringt seine eigene Art und Weise im Umgang mit der Erkrankung mit. Einflüsse auf das Erleben und den Umgang mit der Krebserkrankung haben neben der Art der Krebserkrankung, das Geschlecht, Alter, Familienstand und auch die Erfahrungen, die mit der Bewältigung kritischer Lebenssituationen bereits gemacht wurden. Es gibt somit keine richtige oder falsche Umgehensweise. Also kann und muss jeder seinen eigenen Weg finden mit der Krankheit zu leben.
Was kann helfen?
In erster Linie brauchen alle eine gute medizinische Versorgung und einen oder mehrere Ärzte, denen sie vertrauen. Daneben wird die soziale Unterstützung durch Familie, Freunde und das Umfeld als eine wichtige Hilfe bei der Krankheitsbewältigung genannt. In vielen Studien wird nicht die eigentliche, sondern die subjektiv als nützlich empfundene Unterstützung als ausschlaggebend bezeichnet. Was hilft wem zu welchem Zeitpunkt – ist für Patient und Familie oft nicht einfach zu wissen. Aufmuntern, „nicht unterkriegen lassen“, Kampfgeist zeigen, positiv denken oder besser schonen, Rückzug und in Ruhe lassen? Neue Untersuchungen zeigen, dass Patienten eher von einer flexiblen Haltung profitieren angesichts der vielfältigen Herausforderung, die Erkrankung und Therapie mit sich bringt, ist das nachvollziehbar. Patient und Familie müssen miteinander sprechen um herauszufinden was gerade „angesagt“ ist. Fragen kann nicht schaden, insbesondere wenn Angehörige verunsichert sind wie sie helfen können. Am wenigsten hilfreich wird erlebt, wenn sich Menschen zurückziehen aus Angst etwas falsch zu machen oder aus Hilflosigkeit. Eine Krebserkrankung bedeutet immer eine Belastung für die gesamte Familie. Da diese „Belastung“ oft von nicht absehbarer Dauer ist, müssen auch Angehörige auf ihre Kräfte und ihre Grenzen achten. Hilfsangebote von außen dürfen angenommen werden – alles was zur Entlastung beiträgt sollte jetzt einbezogen werden. Scheuen Sie sich nicht auch professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Krebsberatungsstellen vor Ort helfen ihnen und ihren Angehörigen weiter.
Mit fortgeschrittener Erkrankung leben Der medizinische Fortschritt, viele neue Therapiemöglichkeiten und Begleitmedikationen führen häufig zu längerem bis langem Überleben bei guter Lebensqualität d. h. körperlich und geistig ist vieles möglich. Patienten sind mobil, sportlich, sehen gut aus und sind sogar arbeitsfähig – bei fortlaufender Therapie und diagnostischen Aufwendungen, auch wenn die Krankheit weiter fortschreitet. Familie und Umgebung haben sich (im besten Fall) mit der Situation arrangiert. Häufig sieht es im Inneren der Betroffenen anders aus. Die Belastung durch die permanente Bedrohung, die Ängste vor Untersuchungen, die Ungewissheit über den weiteren Verlauf, das Erschrecken über Nachrichten von andere Betroffenen, vielleicht auch nur das Wissen was immer da ist „du hast Krebs“– kann als sehr beeinträchtigend wahrgenommen werden. Manche Energieverluste sind so erklärbar, Patienten fühlen sich häufig nicht mehr so belastbar, sowohl emotional als auch körperlich, die „Haut ist dünner geworden“. In der Beratung hören wir dann Sätze wie: „Ich möchte doch meine Angehörigen nicht immer wieder mit meinen Sorgen und Ängsten belasten“ oder „meine Freunde wollen das nicht mehr hören, die haben auch ihre Sorgen und verstehen mich nicht, wo ich doch jetzt schon alles so gut durchgestanden habe“ und „manchmal verstehe ich mich selbst nicht mehr“. Hilfreich, besonders an dieser Stelle, kann der Austausch mit anderen Betroffenen sein. Suchen Sie nach Selbsthilfegruppen in ihrer Nähe. Denken Sie bewusst über Ihre „Tankstellen“ nach, wie kann ich Energie auftanken? Was tut mir gut? Was macht mir Freude? Wie kann ich mich entspannen? Nehmen sie sich konkrete Aktivitäten vor, bauen sie Pausen und Entspannendes in ihren Tagesablauf ein. Professionelle Unterstützung durch eine Krebsberatungsstelle oder andere psychosoziale Einrichtungen ist für viele Erkrankte eine große Hilfe und dient der Entlastung und Neuorientierung. Viele Betroffene befürchten, dass sich Ängste negativ auf den Krankheitsverlauf auswirken können. Dafür gibt es keinerlei wissenschaftliche Beweise. Die Lebensqualität wird sicher beeinträchtigt. Sie werden lernen mit den Ängsten umzugehen und damit zu leben. Hierfür gibt es Hilfen.