Mit Ängsten leben lernen... und sich nicht von ihnen überwältigen lassen
Hannelore Dröge, Dipl. Pädagogin und Psychoonkologin, Caritas Krebsberatungsstelle Hannover
Februar 2009 1. Die neue Normalität Trotz aller Weiterentwicklung in der Medizin – an Krebs zu erkranken bedeutet immer einen Einschnitt in alle Lebensbereiche und bringt in kürzester Zeit einen Wechsel widersprüchlicher Gefühle. Auch wenn Sie ansonsten kein ängstlicher Typ sind, hier ist die Angst ganz normal. Das Ausbleiben von Angst ist eher erklärungsbedürftig! Und bedenken Sie eins: Über Krebs wird selten im positiven Sinnen gesprochen, sondern immer nur mit Schreckensmeldungen verbunden. Und gerade negative Erinnerungen hinterlassen einen bleibenden Eindruck, die positiven Krankheitsberichte blenden Sie eher aus. Das bisher sicher geglaubte Leben ist plötzlich bedroht und auch nach Abschluss der Behandlung und guter Prognose, braucht man Zeit sich auf die neue Situation einzustellen. Dabei sind Sie nicht allein!
Pressemitteilung vom 12. November 2007:
Kylie Minogue hat immer noch Angst vor Krebs. Die Sängerin Kylie Minogue und ihr Kampf gegen den Brustkrebs: Ihr neues Album „X” soll auch ein Zeichen für Hoffnung und Genesung sein. Doch jetzt gab die gebürtige Australierin zu: „Jedes mal, wenn sie sich schlecht fühle, körperlich Veränderungen spüre, habe sie Angst vor einem Rückfall.“ Krebserkrankte wissen sofort, was sie damit meint. Die Angst vor der möglichen Wiedererkrankung verbindet alle Betroffenen, Frauen und Männer. Und gleichzeitig liegt hier schon ein Lösungsansatz im Umgehen mit der Angst: Die Befürchtung aussprechen! Kylie Minogue hat dies in aller Öffentlichkeit getan. Überlegen Sie, wem Sie diese Befürchtung mitteilen können. Viele von Ihnen kennen zur Genüge auch die darauf folgenden (oftmals gutgemeinten) Reaktionen aus dem Umfeld: „Noch immer Angst? Du brauchst doch keine Angst mehr zu haben!“ Oder die Aussage: „So darfst du gar nicht denken, das schadet dir nur! Denk positiv!“ Diese Aussagen helfen Ihnen etwa so, als würde man einem Stotterer sagen: „Jetzt hör endlich auf zu stottern!“ Es geht nicht darum, keine Angst mehr zu haben, sondern ihr einen angemessenen Platz im Leben zu geben. Lernen, sie zu bewältigen und nicht von ihr überwältigt zu werden. Dazu gibt es leider kein Patentrezept, weil auch bisher jeder von uns aufgrund der Lebensgeschichte bestimmte Vorlieben und Fähigkeiten entwickelt hat mit Ängsten umzugehen. Die Psychoonkologie greift diese Stärken auf und hilft weitergehend durch verschiedene Interventionsformen. Davon möchte ich Ihnen einige vorstellen. Doch zuvor noch ein kleiner Exkurs, eine weitere Normalität.
2. Angst gehört zur Grundausstattung des Menschen Angst ist eines der grundlegendsten Gefühle und hat eine Schutzfunktion. Sie ist eine wichtige Reaktion auf eine wahrgenommene Bedrohung und dient dazu Körper und Geist auf eine schnelle kraftvolle Aktivität vorzubereiten: Kampf oder Flucht! Der gesamte Organismus wird in Alarmbereitschaft versetzt.
… Gefahr … Körperliche Vorbereitung auf Kampf oder Flucht … … Ausschütten von Hormonen …
Der Angstkreislauf Wird die Angst durch eine Situation ausgelöst, die im Moment nicht lösbar ist, hilft sie nicht! Wie hier: Der Gedanke: „Morgen bekomme ich alle Untersuchungsergebnisse! Der Arzt hat so komisch geguckt beim Ultraschall! Hoffentlich ist alles gut!?“, bewirkt das Gefühle von Angst und Unruhe. Körperlich werden jetzt Stresshormone ausgeschüttet. Damit sind die Vorraussetzungen gegeben, einer Gefahrensituation zu entkommen. Da Sie aber nicht weglaufen (können) und dadurch die Stresshormone abbauen, reagiert der Körper mit Herzklopfen, verstärkter flacher Atmung, Unruhe, Magendrücken. Um nicht in diesem Gedankenkarussell zu verharren, gibt es verschiedene Möglichkeiten es an einer dieser drei Stellen zu unterbrechen. Je nach Vorliebe oder auch wechselnd können dabei folgende Strategien helfen. Manches hört sich vielleicht erst einmal fremd an, einiges gelingt erst durch mehrmaliges Üben. Prüfen Sie, was Sie anspricht oder Sie bereits kennen.
3. Strategien mit Angst umzugehen Die Angst möglichst genau ansehen, die Gedanken zu Ende denken, sie in Worte fassen und überprüfen: „Stimmt das eigentlich, was ich hier denke? Kann ich jetzt Einfluss nehmen? Wer kann mich unterstützen?“ Teilweise geht das allein, im o.g. Beispiel kann es hilfreich sein, mit jemanden über die Befürchtung zu sprechen. Sich mitteilen! Wenn es angenehm für Sie ist, den körperlichen Kontakt zu suchen, jemanden in den Arm nehmen, das gibt Geborgenheit. Gedanken, die quälend sind, unterbrechen. Einen Gedankenstop setzen. Die endlose Grübelei unterbrechen, in dem Sie in die Hände klatschen oder sich eine rote Ampel vorstellen. Danach können Sie die Gedanken in eine andere Richtung lenken. Im o.g. Beispiel: „Das bringt mich jetzt auch nicht weiter! Morgen weiß ich mehr. Sollte etwas sein, werde ich einen Weg finden – das habe ich auch bisher in meinem Leben!“
Man kann die Wellen nicht verhindern, aber man kann in ihnen surfen lernen.
Foto: SPOR - Paracelsus-Kliniken Bad Gandersheim
• Das Gefühl der Angst kann sehr belastend sein, stellt aber gleichzeitig auch Energie für die Lösung eines Problems bereit, z.B. wenn sich die Angst auf eine bedrohliche Situation, wie die Chemotherapie bezieht. In der Beratungssituation überlegen wir konkret, was ist die größte Angst und was kann helfen, die Situation zu entspannen, was könnte gut tun. Zum Beispiel, soll jemand mitgehen? Gibt es ein Buch/Zeitschrift / CD, die mich in dieser Zeit ablenken? Was kann ich tun, wenn ich kein Gespräch über die Erkrankung mit meinem Mitpatienten will?
• Welche Vorstellungen habe ich über die Wirkung und Nebenwirkung der Therapie? Sind die Informationen ausreichend? Habe ich sie verstanden? Hier ist es wichtig, sich entsprechend der eigenen Bedürfnisse zu informieren. Oft sind es fehlende oder zu viele Informationen die Ängste auslösen. Legen Sie Info- Hefte beiseite, wenn Sie unruhig werden.
• Entspannungsübungen durchführen. Schon eine kleine Atemübung, in der die Ausatmungsphase länger ist als das Einatmen, kann eine Hilfe sein. Sie spüren, wie die Anspannung aus dem Körper geht. Das Erlernen der Progressiven Muskelentspannung hilft die körperliche Anspannung wahrzunehmen und abzubauen.
• Visualisierungsübungen ermöglichen die Gedanken auf „Reisen zu schicken“. Zum Beispiel sich an einem „Schönen Ort“ zu sehen. Manche Menschen stellen sich auch die Wirkung der Medikamente im positiven Sinne vor: „Die Chemotherapie geht jetzt durch alle meine Körperzellen und überall wo sie auf eine Krebszelle trifft, zerstört sie diese.“
• Körperliche Bewegung in jeder Form, und entsprech- end den eigenen Vorlieben, wirkt angstlindernd. Sie bauen die Stresshormone ab und nehmen den Körper im positiven Sinne wahr. Sie entwickeln wieder „Selbstbewusstsein“ und kommen aus „festgefahrenen Bahnen“ raus. Sie tanken Sauerstoff und bekommen neue Impulse in einer Gruppe.
• Sich etwas „von der Seele schreiben“ oder die Inneren Bilder durch Malen ausdrücken, kann entlasten. Ihre Lieblingsmusik hören oder selber musizieren ist für manche Menschen der richtige Weg.
• Es gibt spezielle psychoedukative Gruppenangebote, die helfen eine andere Sichtweise einzunehmen und sich der eigenen Möglichkeiten – trotz der Veränderungen – wieder bewusst zu werden. Gucken Sie nach Gruppen vor Ort.
• Auch die Strukturierung des Tages (aufstehen, essen, Termine setzen und einhalten) kann eine Hilfe sein.
• Wichtig ist das Verständnis nahe stehender Menschen. Auch der Kontakt zu anderen Betroffenen, der Austausch und die gegenseitige Unterstützung helfen Ängste abzubauen. z.B. in Selbsthilfegruppen.
• Spiritualität, das Gespräch mit einer Seelsorgerin/-r, Meditation, ...
Bei aller Auseinandersetzung mit dem Thema, manchmal muss auch eine Pause sein. Sie haben bisher ihr Leben gemeistert! Was würde Ihnen jetzt gut tun? Wenn die Angst über eine längere Zeit anhält, sie sich von ihr „gefangen oder überflutet“ fühlen, ist die Angst behandlungsbedürftig. Hier sind Medikamente und/oder Psychotherapie eine notwendige Hilfe.