Dr. Jutta Hübner Chefärztin Abteilung Onkologie Habichtswald-Klinik, Kassel
Dezember 2008
Patienten mit einer Krebserkrankung auf der Suche nach sanften, naturheilkundlichen Therapiemöglichkeiten finden eine Unzahl von Empfehlungen, Ratschlägen und Hinweisen zur Diagnostik und zur Therapie. Welche Informationen sind seriös? Welche Auswahl soll man treffen? Passt dies auch zur Therapie, die der Urologe oder Onkologe empfohlen hat? Oder soll man gar auf eine alternative Empfehlung vertrauen?
Der Arbeitskreis AKKOM (Arbeitskreis Komplementäre Onkologische Medizin) der Deutschen Krebsgesellschaft will hier helfen. Es ist wichtig, dem Patienten, wie dem behandelnden Arzt zu erklären, dass Naturheilkunde in der Onkologie Teil der wissenschaftlichen Medizin ist und genau so erforscht werden kann wie z. B. die antihormonelle Therapie. Oder die Chemotherapie. Die wesentlichen Fragen sind die nach der Wirkung, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen. Diese Fragen sollten auch Patienten bei jedem Therapievorschlag stellen und sich bei allen Empfehlungen auch informieren, welche Kosten auf sie zukommen. Bei der Erforschung von Wirkungen ist es wichtig, dass nicht nur eine Hypothese, wie eine Substanz wirken könnte, behauptet wird, sondern dass es klare Beweise für die Wirksamkeit gibt. Die Wirkung einer Substanz muss nicht nur in Labor- und Tierexperimenten, sondern innerhalb einer so genannten klinischen Studie nachgewiesen werden. Alleinige Fallbeschreibungen sind nicht ausreichend.
Naturheilkunde wird oft als sanfte Medizin verstanden, die keine Nebenwirkungen hat. Auch dies hält meist einer sachlichen Überprüfung nicht stand. Bei jeder Substanz, die Wirkungen hat, müssen wir auch mit Nebenwirkungen rechnen. Beispiele hierfür sind z. B. einige pflanzliche Substanzen, die so giftig sind, dass sie in ihrer ursprünglichen Form nicht angewendet werden können, aber mittlerweile in einer weiterentwickelten Form als Chemotherapien Verwendung finden. Hierzu gehören Extrakte der Herbstzeitlosen und die Eibe.
In letzter Zeit hat die Frage der Wechselwirkungen große Bedeutung erlangt. Nachdem erste Veröffentlichungen zeigten, dass die Einnahme von wirksamen naturheilkundlichen Präparaten zu einer Wirkungsabschwächung von Chemotherapiemitteln führen kann, ist die Skepsis der Ärzte gegen naturheilkundliche Medikamente gestiegen. Dies ist begründet, sollte aber nicht dazu führen, dass man dem Patienten grundsätzlich von der Anwendung von Naturpräparaten abrät. Allerdings müssen Ärzte sich mit diesen Wechselwirkungen beschäftigen und ihre Patienten konkret beraten. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass die antihormonelle Therapie oder die Chemo- und Strahlentherapie, dem Arzt, der komplementäre Medikamente verordnet, bekannt ist. Wünschenswert wäre es, wenn der behandelnde Urologe, Onkologe oder Strahlentherapeut selber die Kenntnisse über die komplementären Medikamente hat und der Patient beides aus einer Hand erhält.
Die meisten naturheilkundlichen Präparate werden von den gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlt, dies hat mit der Gesetzgebung zu tun und damit, das meistens die Wirkung nicht in Studien zweifelsfrei bewiesen ist bzw. die Substanzen nicht als Medikamente sondern als Nahrungsergänzungsmittel auf dem Markt sind. Nahrungsergänzungsmittel unterliegen nicht der strengen Überprüfung wie zugelassene Medikamente, d. h. die herstellende Firma muss z. B. keinen Beweis für die Wirksamkeit erbringen. Der Patient muss die Kosten selber tragen. Dies kann bei einigen Mitteln im Bereich von wenigen Cent liegen, zum Teil werden aber für komplementäre und alternative Heilverfahren bis zu Tausenden von Euro verlangt. Es gibt eine einfache Regel: Bei hohen Kosten sollten Patienten grundsätzlich sehr skeptisch sein und intensiv hinterfragen, was ihnen vorgeschlagen wird.
Es gibt drei Basisempfehlungen, die die Grundlage jeder naturheilkundlichen Behandlung darstellen. In der traditionellen Therapie wurden sie mit dem altmodischen Begriff der „Ordnungstherapie“ bezeichnet.
Was verbirgt sich dahinter? Es gibt Regeln für die eigene Lebensführung, die sowohl dazu beitragen können, Krebs zu verhindern, aber auch dem bereits Erkrankten ein besseres Leben mit der Erkrankung ermöglichen. Hierzu gehören gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung bzw. Sport und ein aufmerksames Mit-sich-selber-umgehen einschließlich der Pflege von guten sozialen Kontakten.
Für die Ernährung gelten glücklicherweise die gleichen Regeln der gesunden Ernährung, die z. B. auch zur Vermeidung von Übergewicht und Stoffwechsel- oder Herzerkrankungen wichtig sind. Eine spezielle „Krebsdiät“ gibt es nicht. Sie sind häufig sogar kontraproduktiv, da sie zu Mangelernährungen führen. Gerade in der letzten Zeit ist die Bedeutung von regelmäßiger Bewegung und Sport zur Prävention deutlich geworden. Für einige Krebserkrankungen konnte bereits gezeigt werden, dass auch nach Abschluss der primären Therapie ein regelmäßiges Bewegungsprogramm die Rückfallrate deutlich senkt. Welche Sportart dem eigenen Körpergefühl entspricht, sollte jeder selber ausprobieren.
Für Patienten nach einer Prostataoperation ist es oft in den ersten Wochen schwierig, sich körperlich zu betätigen, insbesondere, wenn noch eine Blasenschwäche vorliegt. Meist gelingt es aber doch nach einiger Zeit, ein Trainingsprogramm wie z. B. Walking einzuführen. Zu den häufigsten Empfehlungen in der komplementären Onkologie gehören sog. Nahrungsergänzungsmittel, also Vitamine, Spurenelemente, z. T. gemischt mit anderen Stoffen. Patienten wird versprochen, dass dadurch Nebenwirkungen einer Chemotherapie gemildert werden können und Selbstheilungskräfte unterstützt werden. Dies ist zum Teil richtig. Die Frage ist aber, ob mit dem Schutz der gesunden Zellen nicht auch die Tumorzellen geschützt werden. Aus diesem Grunde ist die unkritische Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln während einer aktiven Therapiephase problematisch und sollte auf jeden Fall mit dem Arzt abgesprochen werden. Langfristig sind bei gesunder Ernährung Nahrungsergänzungsmittel nicht empfehlenswert und auf keinen Fall stellen sie einen Ersatz einer gesunden Ernährung dar. Die Vitamine und Spurenelemente werden durch gesunde Nahrungsmittel viel besser vom Körper aufgenommen.
Einige Beispiele aus der Forschung Für die Vorstufe von Vitamin A, das sog. Beta-Carotin, wurde sogar gezeigt, das hohe Serumspiegel, also ein hoher Gehalt im Blut, mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung aggressiver Tumoren verbunden ist. Vitamin E sensibilisiert hormonabhängige Tumorzellen gegenüber einem Androgenentzug. Während einer Chemotherapie oder Strahlentherapie kann Vitamin E allerdings möglicherweise die Tumorzellen schützen. Vitamin D ist beim Prostatakarzinom eine interessante Substanz. Es konnte gezeigt werden, dass es das Wachstum von Tumorzellen hemmt und sogar in klinischen Studien bewiesen werden, dass es die Wirkung der neuen Chemotherapiesubstanz Docetaxel unterstützt.
Es gibt Hinweise das dass bekannteste Spurenelement Selen, das die Nebenwirkungen von Chemotherapien abschwächen und die Wirkung auf die Tumorzelle verstärken soll. Dies muss jedoch noch in klinischen Studien bei Patienten bewiesen werden. Zu den in Mitteleuropa häufigsten komplementären Therapien gehört die Misteltherapie, sie ist allerdings auch umstritten. Die Misteltherapie ist ein integraler Bestandteil der anthroposophischen Therapie bei Tumorerkrankungen.
Aus der naturwissenschaftlichen Sicht ist die Studienlage allerdings nicht so eindeutig. Gerade die Frage, ob durch die Mistel Tumorwachstum gehemmt werden kann (was die meisten unserer Patienten, die eine Misteltherapie durchführen, glauben), kann noch nicht als eindeutig bewiesen gelten. Einige Untersuchungen lassen sogar die Frage aufkommen, ob es nicht sogar zu einer Wachstumsförderung des Tumors kommen kann.
Besser belegt scheint eine ganz andere Wirkung der Misteltherapie, nämlich eine Verbesserung der Lebensqualität. Ob dies mit der Möglichkeit zu tun hat, die dem Patienten gegeben wird, sich selber aktiv an der Therapie zu beteiligen, oder ob es die in einigen Experimenten nachgewiesene Endorphin (Glückshormon) Ausschüttung ist, ist umstritten und letztendlich für die Wirkung nicht so wichtig. Die Misteltherapie hat auch einen Einfluss auf das Immunsystem. Hier sind noch viele Fragen offen, insbesondere die, ob das aktivierte Immunsystem gegen das Prostatakarzinom vorgehen kann. Zusammenfassend ist eine Misteltherapie aus wissenschaftlicher Sicht deshalb kein unbedingtes Muss bei einer Tumorerkrankung, sondern kann bei Wunsch des Patienten insbesondere für die Zeit einer Aufbauphase komplementär eingesetzt werden.
In den letzten Monaten haben Berichte über Granatapfelextrakt beim Prostatakarzinom Aufsehen erregt. Im Labor- und Tierexperiment wird das Zellwachstum gehemmt. In einer ersten Studie bei betroffenen Patienten mit ansteigendem PSA-Spiegel ohne nachweisbaren Tumor, welche zuvor operiert oder bestrahlt worden waren, wurde die PSA-Verdopplungszeit verlängert. Dies ist noch kein ausreichender Beweis für die Wirksamkeit, aber ein Hinweis darauf, dass es interessante Inhaltsstoffe gibt. Auch über Cranberrysaft wurde diskutiert. Inhaltsstoffe dieser amerikanischen Beeren hemmen das Wachstum von Prostatakarzinomzellen. In einer kleinen klinischen Studie erhielten Patienten während einer Bestrahlung Cranberrysaft mit dem Ziel, die durch die Bestrahlung ausgelösten Beschwerden zu verbessern. Dies gelang jedoch nicht. In der Studie wurde nicht darauf geachtet, ob der stark antioxidanzienhaltige Saft die Wirkung der Strahlentherapie evtl. abschwächt. Cranberrysaft sollte während einer Bestrahlung nicht in großen Mengen getrunken werden. Gleiches gilt für andere starke Antioxidanzien.
Bereits vor einigen Jahren war PC-Spes eine der „Alternativen“ bei Prostatakrebs. Es handelt sich um eine Mischung aus 8 Pflanzen, u. a. der auch bei Prostatahypertrophie eingesetzten Sägezahnpalme, mehrerer Pflanzen aus dem asiatischen Raum und einem asiatischen Pilz (Ganoderma). Für einzelne der Pflanzen konnte gezeigt werden, dass im Reagenzglas Tumorwachstum gehemmt werden kann. Für keine wurde bisher in einer Studie bei Patienten eine Wirksamkeit gezeigt. Leider gibt es für PC-Spes kaum Berichte vom Einsatz beim Patienten. Ein Fallbericht von über 16 hormonrefraktären Patienten beschreibt eine Abnahme des PSA-Wertes und eine bessere Lebensqualität. Ob sich auch die Überlebenszeit veränderte, wurde nicht beschrieben. Auch in einer anderen Gruppe von 60 Patienten wurde eine 80%ige PSA-Abnahme beschrieben, aber auch hier gibt es keine weiteren Angaben zum Therapieverlauf.
Eine Abnahme des PSA-Wertes unter der Einnahme dieser Präparate sollte den Patienten nicht in Sicherheit wiegen, dass es damit wirklich zu einem Wachstums- stillstand des Tumors kommt. Keinesfalls sind diese Präparate ein Ersatz für eine empfohlene antihormonelle Strahlen- oder gar Chemotherapie. PC-Spes verschwand vom Markt, nachdem wiederholt Beimischungen von chemischen Substanzen und anderen Medikamenten gefunden wurden. Im Internet sind mittlerweile ähnliche Mischungen erhältlich. Die Bedenken gegen PC-Spes müssen derzeit auch auf diese Mischungen übertragen werden.
Zusammenfassung und Ausblick Welche Aufgabe kann also Naturheilkunde in der Krebstherapie haben? Sie kann dazu beitragen, die Gesundheit zu erhalten und die Lebensqualität zu verbessern. Dies bezeichnen wir als Salutogenese. Naturheilkunde stellt eine wunderbare Möglichkeit dar, dass der Patient aktiv an der Therapie beteiligt wird. Aus diesem Grunde hatte ich am Anfang die ganz wichtigen Bereiche Ernährung und Bewegung aufgeführt. Auf die berechtigte und in der Onkologie so wichtige Frage unserer Patienten: „Was kann ich sonst noch tun?“ sollten kompetente Ärzte eine Antwort wissen, und ich wünsche unseren Patienten, dass sie häufig auf solche Ärzte treffen, die sie bei ihrer onkologischen Erkrankung begleiten.