Prof. Dr. Joachim H. Hartlapp, Herausgeber Krebsmagazin, Paracelsus Klinik Osnabrück
Dezember 2008 Mit KRAS gibt es jetzt endlich auch in der Darmkrebsbehandlung einen Biomarker, der Ihren Ärzten die Therapieentscheidung erleichtert. Er spielt eine Schlüsselrolle in der Weitergabe von Wachstumssignalen innerhalb der Zelle.
Darmkrebstumoren und -metastasen werden unter anderem durch Wachstumsfaktoren zur Ausbreitung angeregt, indem diese an Rezeptoren auf der Oberfläche der Krebszellen binden. Durch diese Bindung wird eine Signalkette ausgelöst, die über mehrere Stationen das Wachstumssignal zum Zellkern trägt. Eine dieser Stationen ist KRAS.
Aber warum spielt KRAS so eine wichtige Rolle? Forscher fanden heraus, dass KRAS in Tumorzellen in zwei verschiedenen Formen vorliegen kann: entweder normal, was wir als Wildtyp bezeichnen, oder mutiert. Ist KRAS normal, dann gibt es wirklich nur dann das Wachstumssignal in Richtung Zellkern weiter, wenn Wachstumsfaktoren an den Rezeptoren angedockt sind und dadurch das Signal ausgelöst wurde. Ist KRAS aber mutiert, dann gibt es den Befehl zum Wachstum ununterbrochen mit Kurs auf den Zellkern ab – egal, ob er an der Zelloberfläche durch den Kontakt der Wachstumsfaktoren ausgelöst wurde oder nicht. Bei Darmkrebs haben diese Erkenntnisse eine besondere Bedeutung, weil es bei dieser Krankheit eine Therapie gibt, die an genau dieser Signalkette ansetzt: Statt der Wachstumsfaktoren blockiert der Antikörper Cetuximab den Rezeptor, und der Befehl zum Wachstum wird nicht ausgelöst. Doch das hat bei der mutierten Form des KRAS keine Auswirkungen: Das Auslösen des Wachstumssignal wird zwar an der Oberfläche der Krebszelle verhindert, das mutierte KRAS gibt aber trotzdem ständig den Befehl zum Wachstum ab. Das bedeutet, dass Patienten, die einen Tumor mit mutiertem KRAS haben, eine Therapie bekommen müssen, die anderes wirkt. Für Patienten, deren KRAS im Tumor normal ist, bedeutet das allerdings, dass sie besonders von der Antikörpertherapie mit Cetuximab profitieren: die Zellteilung, Ausbreitung in andere Organe, Neubildung von Blutgefäßen und das Überleben der Krebszellen wird verhindert, der Tumor wächst nicht weiter und schrumpft. In welcher Form KRAS vorliegt, kann anhand eines Tests, der für Sie als Patient keinen weiteren Eingriff oder Untersuchungen bedeutet, innerhalb von ein bis zwei Wochen ermittelt werden. Dafür wird nämlich nur Tumormaterial benötigt, das nach Operation oder Biopsie bereits tiefgefroren oder in Paraffin eingebettet aufbewahrt wurde.
Der Test sollte möglichst sofort nach Entdecken der Metastasen durchgeführt werden, denn nur so kann festgestellt werden, ob Sie schon früh von dieser individualisierten Therapie profitieren können. Denn lautet das Ergebnis, dass KRAS nicht mutiert ist, gibt es jetzt eine neue, maßgeschneiderte Therapieoption: Der Antikörper Cetuximab ist bei KRAS-Wildtyp-Tumoren seit kurzem in allen Behandlungsphasen zugelassen – sowohl sofort, wenn die Metastasen entdeckt wurden, als auch dann, wenn andere Therapien den Krebs nicht dauerhaft in Schach halten konnten.