Dipl. Psych. Ute Grießl
Katholischen Klinikum
Duisburg,
St. Johannes - Hospital
und in freier Praxis.
Dezember 2008 Eine Patientin erzählt: „Als ich hörte, ich habe Krebs, brach für mich eine Welt zusammen. Meine Welt, in die ich soviel Energie und Liebe gesteckt habe, barst auseinander. Meine ganze Kraft, meine Lebensfreude, alles war verschwunden.“
Betroffene, auch Angehörige und Freunde kennen dieses Gefühl: Alle Sicherheiten sind weg, kein Halt ist mehr zu sehen, geschweige denn zu spüren. Vielleicht haben Sie es ähnlich erlebt.
Als wenn eine Quelle versiegt, die bisher kraftvoll und munter gesprudelt hat. Angst, Mutlosigkeit und Verzweiflung melden sich lautstark zu Wort.
Die ‚schlechte’ Nachricht: Solche Gefühle sind üblich, normal und mehr als berechtigt. In der Literatur spricht man vom Diagnoseschock. Und solche Empfindungen von Mutlos- und Kraftlos-Sein können auch während der Behandlung noch entstehen.
Die gute Nachricht: Die Kraftquelle, die in jedem Menschen sprudelt, und die uns bisher mit Energie und Zuversicht versorgt hat, ist nur scheinbar versiegt. In Wirklichkeit ist sie nach wie vor da. Vielleicht liegen Steine, Geröll oder Schutt darauf. Im Moment ist das Sprudeln nicht zu sehen und das Plätschern kaum zu hören. Vielleicht haben Sie Lust, sich mit mir auf den Weg zu Ihrer Kraftquelle zu machen.
Im Gespräch lassen sich Steine beiseite räumen, Belastendes wegschaffen. Ich weiß nicht, ob Sie lieber alleine mit sich im Gespräch sind, mit einer Tasse Tee und einem Tagebuch. Oder ob Sie eher mit einem lieben Menschen reden, sei es per Mail, Telefon oder in der direkten Begegnung. Oder Sie suchen sich eine professionelle Unterstützung. Entscheidend ist: Sie finden Ihre Quelle wieder, die Ihnen Energie schenkt, Sie ermutigend und stärkt. Möglicherweise entdecken Sie neben Ihrer vertrauten Quelle auch neue, weitere.
Was schenkt Ihnen Kraft? Einige Kraftquellen nenne ich Ihnen und bitte Sie, zu prüfen, welche Sie bereits kennen, welche für Sie neu und interessant aussehen. Entscheidend ist, was Ihnen gefällt und in Ihnen nachklingt.
Quellen aus dem sozialen Umfeld
Hier denke ich an die wohltuenden, nährenden Kontakte zu Menschen in der Familie, im Freundeskreis, Bekanntenkreis, Kollegenkreis, in der Nachbarschaft. Daneben entstehen neue Kontakte zu anderen Patientinnen und Patienten. Ich erlebe es regelmäßig im Krankenhaus, wie Betroffene sich untereinander stärken und ermutigen. Und ich sehe die Selbsthilfegruppen, die Ihnen neue Zuversicht vermitteln können.
Quellen aus dem eigenen Leben
Die eine hört gerne Musik, auf CD oder im Konzert. Und singt, ob unter der Dusche oder nach Noten. Der eine spielt ein Instrument. Ich denke an weitere Hobbys, an Freizeitbeschäftigungen, die Freude bereiten wie: Sammeln, (eine Freundin von mir sammelt Möbel und Zubehör für ein Puppenhaus), Rätseln, Handarbeiten vom Nähen bis zum Stricken, Malen in allen Arten und Formen, Fotografieren, Lesen oder Bücher hören, Theater, Kino, Filme. Kochen allein, in einem Kurs, mit Freunden. Oder Essen gehen. Spaziergänge, Ausflüge, ein Kurzurlaub, Haustiere. Bummeln, Kleidungsstücke anprobieren, sich etwas Neues kaufen, der Besuch bei der Kosmetikerin oder der kleine Luxus zwischendurch. Die Aufzählung lässt sich mit Sicherheit von Ihnen fortsetzen.
Quellen aus der eigenen Seele
Wie haben Sie bisherige Krankheiten überwunden? Was hat Ihnen bisher geholfen, schwere Zeiten zu meistern? Das können einfache Verhaltensweisen sein, Fähigkeiten, Strategien. Hier sehe ich kraftvolle und kräftigende Eigenschaften, Hier höre ich energiegeladene Sätze, persönliche Überzeugungen und eigene Werte. Sie können im Kontakt sein mit sich, mit allen inneren stärkenden Anteilen, wie z.B. der inneren Weisheit. Ich bin gespannt, was Ihnen dazu einfällt.
Quellen aus der Begegnung mit ‚Fachleuten’
Manche von Ihnen erinnern sich noch an einen stützenden Satz, den der Professor gesagt hat, an die zuversichtliche Stimme der Ärztin oder das ermutigende Lächeln der Krankenschwester. Vielleicht auch an die Sicherheit gebende Therapeutin oder Psychoonkologen. Was könnte Sie stärken?
Quellen aus der Natur
Eine vollständige Aufzählung füllt mit Sicherheit ein ganzes Buch. Wo tanken Sie auf: Sonnenaufgang eher am Meer oder in der Bergen, Sternenhimmel, Blumen, Bäume, Vogelstimmen, Tiere ... Wo schöpfen Sie persönlich neue Energie? Und wie machen Sie das genau?
Quellen aus dem Lebenszweck
Auch und gerade die aufbrechende Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens kann zur Quelle werden. Was ist der Grund meines Lebens? Was ist seine Be- deutung? Wozu bin ich auf der Welt? Was will noch gelebt werden? Ich weiß nicht, ob Sie hier eher vertraute Einsichten finden oder überraschende neue Erkenntnisse gewinnen.
Quellen aus der Spiritualität
Für manche ist das die Naturerfahrung an sich, für andere eine Form der Meditation. Der persönliche Glaube. Das Gehaltensein. Die Verbundenheit mit einem größeren Ganzen. Das Gefühl der Zugehörigkeit. Was sehen Sie vor sich, wenn Sie an Ihre Spiritualität denken? Wie kann sie Ihnen Kraft schenken? In schweren Zeiten leichter leben – das gelingt am besten in Verbindung mit Ihrer Quelle. Ich vertraue fest darauf: Sie finden einen Zugang zu Ihrer Kraftquelle!