Dezember 2008
Es kann mit großer Sicherheit gesagt werden, dass moderate Bewegung in der Rehabilitationsphase körperlich gut verträglich ist und den Heilungsprozess fördern kann. Die Kenntnislage ist bei Brustkrebspatientinnen zurzeit am weitesten fortgeschritten. Hier belegen inzwischen viele Studien, dass durch moderaten Ausdauersport sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene positive Effekte erreicht werden können. So wird die Lebensqualität der Betroffenen erheblich gesteigert. Das zeigt auch die Entwicklung der Krebssportgruppen. 1981 wurde die erste Krebssportgruppe ins Leben gerufen und seitdem ist die Zahl ständig gestiegen. Heute gibt es ca. 800 Krebssportgruppen. 90% der Teilnehmer/innen sind Frauen mit Brustkrebs, obwohl die Gruppen auch Betroffenen für andere Krebsentitäten offen stehen. Die Tendenz geht jedoch dahin, dass auch immer mehr Männer Zugang zu diesen Sportgruppen finden.
Inzwischen konnten in der onkologischen Behandlung und der anschließenden Rehabilitation große Fortschritte gemacht werden, wo Bewegung und Sport eine immer größere Rolle spielen. Nicht selten hinterlassen die Krankheit und die Therapiemaßnahmen deutliche körperliche, aber auch psychische Narben. Wie der einzelne Patient mit der Krankheit umgeht und sie im Optimalfall bewältigt, ist sehr individuell und erfordert unter Umständen Hilfe von Außen.
Die Einflüsse von Bewegung und Sport bei Krebs sind vielfältig. So werden in den drei Bereichen Physis, Psyche und psycho-soziale Aspekte, Ziele formuliert. Auf physischer Ebene sollen vorrangig Folgeschäden durch Bewegungsmangel verhindert werden. Ansonsten geraten die Patienten in einen Teufelskreis, der eine Chronifizierung des Problems zur Folge hat. Denn aus einem Bewegungsverlust resultiert eine Minderung der Leistungsfähigkeit, welche zu mehr Inaktivität führt und den Leistungsabfall wiederum stärkt. Auf diese Weise kann der Patient immer weniger soziale Netzwerke aufrechterhalten.
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Angekommen: eine Gruppe Krebspatienten vor der Kathedrale von Santiago de Compostela, die im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie im Frühjahr des Jahres 2008 auf den Jakobsweg aufbrach. |
Neueste Studien mit Brustkrebspatientinnen wie beispielsweise die „Nurses Health Study„ zeigen sogar, dass das Rückfallrisiko durch regelmäßige moderate Bewegung um bis zu 40% gesenkt wird. Ein grundsätzliches Ziel ist es jedoch zunächst, dass Bewegung den Patienten so früh wie möglich erreichen muss. Denn die Diagnose Krebs stellt für die Betroffenen im ersten Moment einen großen Schock dar und hat fast ausnahmslos eine komplette Veränderung der bisherigen Lebensgewohnheiten zur Folge. Selbst Personen, die zuvor einer Risikogruppe angehörten, werden durch die konkrete Aussage „Sie haben Krebs!", mit vielen Fragen und vor allem Ängsten konfrontiert. Die Folge ist, dass sich die Betroffenen komplett zurückziehen und in einer körperlichen Passivität münden.
Die Ängste, die dann im Rahmen der Krebserkrankung auftreten können, sind genauso vielschichtig wie die Patientenpersönlichkeiten selbst. Neben konkreten Existenzängsten, die bei nahezu allen Betroffenen auftreten, beschäftigen sich die Patienten besonders mit den Veränderungen ihres Körpers, die oft sehr schnell und deutlich zu Tage treten. Darüber hinaus sind der plötzliche Kontrollverlust, der mit dem Verlust des Vertrauens in den eigenen Körper einhergeht, und die Ungewissheit über den Ausgang der Krebserkrankung, die am häufigsten auftretenden Ängste der Betroffenen. Es ist nicht selten zu beobachten, dass ein langfristiger Verlust von Selbstvertrauen in den eigenen Körper, der einen ja schon einmal im Stich gelassen hat, bei vielen Patienten existent ist. Man traut seinem eigenen Körper nichts mehr zu und erfährt folglich ein eingeschränktes Alltagsleben. Auch die sonst immer so spannenden Aktiv-Urlaube und Freizeitaktivitäten werden kaum mehr wahr genommen. Darunter leidet schließlich die Lebensqualität!
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Immer mehr Krebspatienten, wie hier eine Gruppe Prostatakrebspatienten auf dem Jakobsweg, erkennen den Stellenwert sportlicher Betätigung. |
Um die Lebensqualität der Patienten während und nach der onkologischen Behandlung zu steigern, ist ein Abbau der individuellen Befürchtungen und Sorgen anzustreben. Um dies zu erreichen, bieten körperliche Aktivitäten und Sport eine Fülle von Möglichkeiten, die sich nicht nur auf die körperliche Leistungsfähigkeit positiv auswirkt. So kann durch die aktive Auseinandersetzung mit dem Körper und seiner Leistungsfähigkeit ein neues Körpergefühl entwickelt und gleichzeitig das Vertrauen in den selbigen wieder gewonnen werden. Der Sport kann darüber hinaus auch einen Weg darstellen, um neue soziale Kontakte zu knüpfen bzw. alte wieder aufzufrischen.
Damit es gar nicht erst zu diesem Teufelskreis kommt und der Patient sich früh mit seinem eventuell auch veränderten Körper auseinandersetzt, geht der aktuelle Trend dahin, bereits in der Akut-Klinik mit körperlicher Aktivität zu beginnen. Mittels Physiotherapie wird Bewegungseinschränkungen durch Narben entgegengewirkt und eine allgemeine gute Beweglichkeit angestrebt. Anschließend daran erfährt der Patient in der Rehabilitationsklinik zusätzlich eine Sporttherapie, in der die getätigten Fortschritte weiter unterstützt und ausgebaut werden. Vor Allem steht aber auch die Freude an Bewegung im Vordergrund und dahingehend ist es nicht nur wichtig Defizite des Patienten zu betrachten, sondern auch die Ressource, also die Bewegungsformen und Sportarten die dem Patienten weiterhin ohne Probleme durchführbar erscheint (Ressourcenorientierung). Nach diesen beiden Stationen im Genesungsprozess sollte der Patient vorbereitet sein, um dann die dritte Station, den Rehabilitationssport am Wohnort eigenständig und selbstverantwortlich zu meistern. Dies kann er in einer der vielen Krebssportgruppen im Sportverein durchführen. Dieser Verlauf der Behandlung stellt den Idealfall dar und wird mit der sogenannten Rehabilitationskette bezeichnet. Ist der Gruppensport nicht das, was sich der Teilnehmer wünscht, so kann (sollte) selbstverständlich der Sport auch allein oder mit dem Partner erlebt werden, um langfristig Ängste zu mindern und das Selbstvertrauen in den eigenen Körper zu stärken!