44. Jahrestag der American Society of Clinical Oncology 2008
Prof. Dr. Wolfgang Wagner Herausgeber Krebsmaga- zin, Paracelsus Strahlen- klinik Osnabrück
Annette Junker, Apother- kerin für klinische und onkologische Pharmazie, Wermelskirchen
Dezember 2008 Vom 30. Mai – 3. Juni 2008 trafen sich rund 38.000 Ex-perten aus der Onkologie zum alljährlichen Kongressder Amerikanischen Gesellschaft für klinische Onkologie (ASCO) in Chicago. 5.000 Beiträge wurden in diesem Jahr veröffentlicht und deckten die gesamte Spanne von neuen Therapien bis hin zur Betreuung von Krebspatienten ab. Höhepunkte des diesjährigen Kongresses gab es unter anderen bei Brust- und Lungenkrebs sowie bei Magen-Darm Tumoren zu verzeichnen.
Fortschritt bei der individualisierten Krebstherapie: KRAS Status sagt Ansprechen bei Darmkrebs voraus Die Erkenntnisse, die in den letzten Jahren auf molekularer Ebene gewonnen wurden, haben dazu geführt, dass mehr und mehr molekulare Marker herangezogen werden, um die Erfolgsaussichten für eine bestimmte Therapie vorher sagen zu können. Leider zeigte sich nämlich, dass ein Nachweis einer Überausschüttung von Zelloberflächenwachstumsfaktoren (EGF-Rezeptoren) alleine nicht ausreicht, um einen Erfolg einer Therapie mit einem entsprechenden Antikörper vorhersagen.
Ein großes Stück weiter im Hinblick auf eine individualisierte Krebstherapie brachte deshalb eine Untersuchung, die in diesem Jahr von der ASCO besonders hervorgehoben wurde: Es handelte sich um eine Ergänzung der CRYSTAL-Studie, die bereits im letzten Jahr während der ASCO-Tagung vorgestellt worden war. In der Studie konnte gezeigt werden, dass eine Kombination des Antikörpers Cetuximab mit einer Chemotherapie (FOLFIRI-Regime) im Gegensatz zur alleinigen FOLFIRI-Chemotherapie bereits in der Erstlinien-Therapie des kolorektalem Karzinoms zu erheblich besseren Ansprechraten führte. In der jetzt vorgestellten Nachfolgeuntersuchung waren bei 540 der ursprünglich 1198 Patienten Proben des Tumorgewebes untersucht worden. Das Tumorgewebe wurde auf die Anwesenheit von Erbinformationsanlagen im KRAS-Gen untersucht, einem Gen, in dem häufig Mutationen gesehen werden. Bei 192 Proben (35,6 %) wurde diese Mutation festgestellt, bei 348 Patienten fand sich keine Mutation des entsprechenden Gens. Für die Patienten ohne Mutation zeigte sich eine deutliche Wirksamkeit für die Kombinationstherapie aus Chemotherapie und Antikörperbehandlung. Bei 43 % der Patienten stagnierte das Tumorwachstum nach einem Jahr gegenüber 25 % bei den Patienten, die nur eine Chemotherapie erhalten hatten. Die Ansprechraten betrugen 59 % bei der Antikörper-Kombination gegenüber 43 % im Chemotherapiearm. Völlig anders sah es bei den Patienten aus, die Mutationen im KRAS-Gen aufgewiesen hatten. Beim Vergleich der beiden Therapiearme zeigte sich kein Vorteil der Antikörpertherapie im Hinblick auf das Überleben.
In großen Messehallen wurden neuste Studienergebnisse präsentiert. Foto: ASCO/Todd Buchanan 2008
Zielgerichtete Therapie beim Lungenkrebs In einer großen kontrollierten Studie (FLEX) wurde der Einsatz des Antikörpers Cetuximab bei Lungenkrebs untersucht. Es konnte gezeigt werden, dass die zielgerichtete Therapie mit dem gleichen Antikörper in Kombination mit einer Platin haltigen Chemotherapie bereits in der Erstlinientherapie des fortgeschrittenen nichtkleinzelligen Lungenkrebs effektiv ist. Zum ersten Mal konnte in einer Studie durch den Einsatz eines Antikörpers ein Überlebensvorteil bei dieser Patientengruppe gezeigt werden.
Lungenkrebs steht auf Platz Eins der durch Krebs hervorgerufenen Todesursachen bei Männern und Frauen, wobei die nichtkleinzellige Karzinome 85 % bis 90 % aller Lungenkrebse ausmachen. Bei mehr als 80 % der sogenannten nichtkleinzelligen Bronchialkarzinom-Patienten befinden sind auf den Tumoren Oberflächengene, wodurch bestimmte Rezeptoren häufiger ausgeschüttet werden. In der während der Tagung vorgestellten Studie waren 1125 Patienten aus 30 Ländern, bei denen eine Überausschüttung von EGF-Rezeptoren entdeckt worden war, untersucht worden und hatten entweder nur eine Chemotherapie oder eine Kombination aus Chemotherapie plus Antikörper erhalten. Primärer Endpunkt war das Gesamtüberleben. Beim Vergleich der beiden Therapiearme zeigte sich im Antikörper ein längeres Gesamtüberleben und eine höhere Ansprechrate. Der Vorteil für den Antikörper wurde bei Patienten aller histologischen Untergruppen gesehen, also sowohl bei Adeno- als auch bei Plattenepithelkarzinomen, den beiden häufigsten Untergruppen.
Brustkrebs gelten Die Vielfalt der Themen, die während des diesjährigen Treffens der ASCO zum Thema Brustkrebs präsentiert wurde, war wieder sehr groß und reichte von Chemotherapie über Antikörper bis zur Hormon- und Unterstützungsbehandlung. Viele offene Fragen konnten durch neue Studien geklärt werden. Neue Fragen wurden aufgeworfen.
Antikörper-Bevacizumab hoch wirksam bei neu diagnostiziertem fortgeschrittenem Brustkrebs In früheren Studien konnte bereits gezeigt werden, dass die Kombination aus dem Antikörper-Bevacizumab und Chemotherapie mit Paclitaxel bei Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs die Zeit des Tumorwachstumsfreien Überlebens verdoppeln konnte. Nun wurde während des ASCO die erste kontrollierte Studie vorgestellt, in der die Kombination von Bevacizumab mit Docetaxel getestet wurde, dem Taxan, das in Europa, Asien und Australien viel verbreiteter angewendet wird als das Paclitaxel. In der Studie wurden 736 Patienten in drei Armen untersucht: Scheinmedikament plus Docetaxel, hoch dosiertes Bevacizumab plus Docetaxel und niedrig dosiertes Bevacizumab plus Docetaxel. Nach einer Beobachtungszeit von 11 Monaten zeigte sich, dass die Wahrscheinlichkeit für ein Tumorweiterwachstum in der niedrig dosierten Gruppe 21 % kleiner war als in der Scheinmedikamentengruppe, in der hoch dosierten Gruppe sogar 28 % niedriger. Die Patienten in den Antikörpergruppen wiesen eine höhere Rate an schweren Nebenwirkungen auf. Dabei handelte es sich überwiegend um einen Bluthochdruck, der gut behandelbar war. Da es nicht zu einer deutlichen Verstärkung der Nebenwirkungen im Vergleich zur Einzelbehandlung mit dem Taxan gekommen sei, kann diese Kombination in der Behandlung des lokal fortgeschrittenen oder metastasierten Brustkrebs auch in der Erstlinientherapie demnächst eine Rolle spielen.
Charakteristisch für medizinische Fachkongresse sind die Posterausstellungen i. d. Studien sowie deren Ergebnisse und Schlussfolgerungen ebenfalls präsentiert werden.
Foto: ASCO/Todd Buchanan 2008
Anti-Tumor-Wirkung von Zoledronsäure Beim Einsatz von Bisphosphonaten bei Knochenmetastasen kommt es zur Schmerzlinderung und teilweise sogar zur Zunahme der Knochensubstanz. Es ist unumstritten, dass das Bisphosphonat Zoledronsäure den Knochenabbau während einer antitumoralen Therapie reduzieren kann. Während des ASCO konnte nun eine Studie darüber hinaus zeigen, dass Zoledronsäure auch die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls bei Brustkrebs verringert.
Die Sicherheits-Hormon-Therapie mit einer Unterdrückung der Eierstockfunktion durch übergeordnete Hormone (LH-RH-Agonisten) wird als eine effektive Alternative zur Standardchemotherapie bei jungen hormonrezeptorpositiven Brustkrebspatientinnen eingesetzt.Erstmals wurde in einer Studie die hormonelle Unterdrückung mit Goserelin plus Tamoxifen mit der von Goserelin plus Anastrozol verglichen. Eine Sicherheits- Bisphosphonat-Therapie mit Zoledronsäure wurde jeweils in zwei der vier Behandlungsarme integriert, um den Knochenabbau, zu dem es bei einer kompletten Unterdrückung der Eierstockfunktion kommt, zu lindern. Außerdem sollte damit untersucht werden, ob der Antitumoreffekt von Zoledronsäure, der sich in Laboruntersuchungen bereits angedeutet hatte, auch in einer großen klinischen Studie standhalten und sich in klinischen Zielparametern wie progressionsfreiem und Gesamtüberleben auswirken würde.
Das Ergebnis war eindeutig - Patientinnen, die nach einer Brustkrebsoperation zusätzlich zur Hormontherapie Bisphosphonate infundiert bekamen, hatten eine Reduktion des Rückfallrisikos um 35 % im Vergleich zu der alleinigen Hormontherapie, dies gilt eben auch für Patientinnen mit nicht fortgeschrittenem Brustkrebs.
Vitamin D Mangel führt zu schlechterem Resultat bei Frauen mit Brustkrebs Kanadische Forscher haben zum ersten Mal festgestellt, dass sich bei Frauen, die zum Zeitpunkt der Brustkrebsdiagnose einen Mangel an Vitamin D aufwiesen, zu 94 % wahrscheinlicher Metastasen bilden, und die Wahrscheinlichkeit zu sterben um 73 % höher ist. Mehr als ein Drittel (37,5 %) der Frauen mit Brustkrebs wiesen Vitamin D Pegel auf, die als „defizient“ klassifiziert wurden, die Pegel von weiteren 38,5 % wurden als „nicht ausreichend“ klassifiziert. Die Frauen mit defizientem Vitamin D Pegel hatten auch aggressivere Tumoren. Nach 10 Jahren waren noch 83 % der Frauen mit adäquatem Vitamin D Pegel frei von Metastasen und 85 % lebten noch im Vergleich zu 69 bzw. 74 % aus der Vergleichsgruppe mit Vitamin D Pegel < 50 nmol/L. Weitere Studien sollten nach Ansicht der Experten folgen, bevor Empfehlungen ausgesprochen werden können.
Überfüllte Vortragssäle mit Ärzten aus aller Welt.
Foto: ASCO/Todd Buchanan 2008
Sichere Therapiemöglichkeit älterer Patienten mit indolenten Lymphomen Bei älteren, oft mehrfach kranken Patienten stellt sich im Hinblick auf eine chemotherapeutische Behandlung nicht nur die Frage nach der Wirksamkeit, sondern auch die der Sicherheit und Verträglichkeit einer Therapie. Das heißt, der Nutzen, den eine solche Therapie für den Patienten noch hat, muss sehr genau abgewogen werden.
Bei der Behandlung von gering bösartigen Lymphomen konnten in der letzten Zeit sowohl in kleineren als auch in größeren Studien viel versprechende Resultate der Therapie mit der Kombination Bendamustin (Chemotherapie) plus Rituximab (Antikörper) gezeigt werden, und das sowohl bei Patienten, die schon einen Rückfall unter einer vorherigen Therapie erlitten hatten, als auch bei solchen, die noch nie vorbehandelt waren. Gesamtansprechraten von um die 90 %, bei denen es auch oft zu kompletten Rückbildungen gekommen war, konnten verzeichnet werden. Da Patienten mit wenig bösartigen Lymphomen oft älter sind, stellte sich daraufhin die Frage nach der Effektivität und Sicherheit einer solchen Therapie bei älteren Patienten.
In einer Zwischenanalyse einer Studie der Studiengruppe wenig bösartiger Lymphome wurden während der 44. Jahrestagung der American Society of Clinical Oncology bereits die Ergebnisse für 33 Patienten vorgestellt. Das Durchschnittsalter der Patienten betrug 79 Jahre. Sie wurden in vier Therapiezyklen alle vier Wochen jeweils mit 90 mg/m2 Bendamustin an den Tagen 1 und 2 behandelt und erhielten insgesamt an sechs Therapietagen 375 mg/m2 Rituximab.
Die Gesamtansprechrate betrug 91 %, davon waren bei 30 % komplette Rückbildungen zu verzeichnen. Nebenwirkungen im Bereich des Blutes waren die Hauptnebenwirkung, zu Infektionen kam es aber nur in drei Fällen. Allgemein resümierten die Forscher, dass die Therapie auch in diesem Alter noch sehr nützlich und sicher und damit angemessen sei.