Nachsorge   
 Sport nach Brustkrebserkrankungen

Vorsorge, verbesserte Früherkennungsmaßnahmen sowie vielschichtige therapeutische Anstrengungen führen heute dazu, dass mehr als die Hälfte der Frauen noch nach 10 Jahren, nach Entdeckung des Tumors, leben. Diese Erfolge verlangen deshalb nach intensiven interdisziplinären rehabilitativen Anstrengungen, um auch die Lebensqualität der noch verbliebenen Lebenszeit zu verbessern. Lebensqualität wird durch gegenseitig sich beeinflussende und bedingende Elemente bestimmt. Hierzu gehören körperliche, seelische und soziale (familiäre, berufliche u.Ä.) Aspekte. Bewegung und Sport im weitesten Sinne können zu allen drei Elementen einen positiven Beitrag leisten.

Im Laufe der nun über 20-jährigen Erfahrungen hat sich gezeigt, dass brustkrebsbetroffene Frauen an fast allen Sportarten in dosierter Form teilnehmen können. Einige Sportarten sind allerdings weniger empfehlenswert, wenige sogar kontraindiziert. Insofern gilt es, einige wichtige Gesichtspunkte zu beachten, auf die im Folgenden eingegangen werden soll.

Folgen der Tumorerkrankung und ihrer Therapie

Entsprechend der vorgenannten drei Lebensqualitätselemente lassen sich die am häufigsten genannten Auswirkungen der Brustkrebserkrankung und ihrer Therapie kurz darstellen.

Rehabilitationssport
Körperliche Folgen

Aus der komplexen Tumortherapie sind es vor allem die Operationsfolgen, die mehr oder weniger lang anhaltende Bewegungseinschränkungen nach sich ziehen. Die Wahl des operativen Verfahrens zur Entfernung des Tumors aus der Brust richtet sich dabei nach Größe und Stadium der Erkrankung. Diese reicht von einer radikalen Mastektomie mit Entfernung des großen und kleinen Brustmuskels bis zum brusterhaltenden Verfahren, bei dem lediglich der Tumor in eng umgrenztem Feld herausgenommen wird. Die Mastektomie hat in der jüngeren Vergangenheit stark abgenommen, zu Gunsten des brusterhaltenden Verfahrens. Heutzutage wird bei ca. 60% der Frauen brusterhaltend operiert, was für die betroffenen Frauen in der Nachsorge von Vorteil ist. Je nach notwendigem Operationsverfahren fällt die jeweilige Narbenführung und Bewegungseinschränkung unterschiedlich stark oder schwach aus. Nicht unterschätzt werden darf auch die Narbe, die bei der Ausräumung der Lymphknoten im axillären Bereich entsteht. Diese Maßnahme ist jedoch immer notwendig, da die Anzahl der hierbei entdeckten bereits metastasierten Lymphknoten für die weitere Therapieentscheidung ausschlaggebend ist.

Die genannten Verfahren sowie mögliche Folgen notwendig gewordener Bestrahlungen führen letztlich bei etwa 70 - 80% aller betroffenen Frauen, zu mehr oder weniger großen Bewegungseinschränkungen im Arm/Schulterbereich. Hinzu kommt nicht selten auch als Folge der entstandenen körperlichen Asymmetrie eine gewisse Schiefhaltung der Wirbelsäule, aus der dann Rückenschmerzen resultieren können.

Ein zusätzliches Lymphödem ("dicker Arm"), bei ca. 10 - 20% der Frauen als OP- bzw. Strahlenfolge, kann ebenfalls die Aktivitäten des täglichen Lebens, z.B. im Haushalt, beim Kämmen, An- und Auskleiden oder auch beim Sport, behindern. Nicht unerwähnt bleiben soll auch der Hinweis, dass bei einem Durchschnittsalter unserer Gruppenteilnehmerinnen von 50 - 60 Jahren bereits vor der Operation bei etwa 25% arthrosebedingte Beschwerden vorliegen, die sich insbesondere auf die großen Gelenke beziehen und zu beträchtlichen Einschränkungen im Alltag führen können.

Psychische Folgen

"Krebs" löst bei Betroffenen wie Nichtbetroffenen große Unsicherheit und häufig auch Hilflosigkeit aus, die bis zu Todesängsten beim Krebspatienten selbst führen können. Die Aufnahme der Diagnose, die Verarbeitung der Erkrankung und ihre Therapiefolgen werden allerdings von den Betroffenen subjektiv extrem unterschiedlich wahrgenommen. Dieses hängt ganz wesentlich auch vom Freundes- und Kollegenkreis sowie der familiären Situation ab. Als häufigste Auffälligkeiten werden Schlafstörungen, Selbstmordgedanken, Ängste, Minderung des Selbstwertgefühls, Depressionen, Störungen des gewohnten Körperbildes, Verleugnung der Diagnose, sexuelle Störungen und Fatigue-Syndrom genannt.

Soziale Auswirkungen

Aus dem vorgenannten wird deutlich, dass eine Krebserkrankung Auswirkungen nicht nur auf die Person selbst sondern meist auf ihr gesamtes soziales Umfeld hat. So können falsch verstandene Scham- und Schuldgefühle die Qualität der Partner- und Familienbeziehung beeinträchtigen. Berufliche Einbußen in Form einer Versetzung oder eines notwendigen Berufswechsels bis hin zur Frühberentung, führen häufig zu einer Abnahme von sozialen Aktivitäten und Freizeitaktivitäten. Sich zurückziehen kann schließlich zur Isolation führen, zumal der Krebskranke bei uns auch heute noch häufig in einer Tabu-Zone lebt. Hier kann die Unterstützung durch eine Selbsthilfegruppe ("Frauenselbsthilfe nach Krebs") oder auch der intime Rahmen einer Rehabilitations-Sportgruppe sehr hilfreich sein.

Ziele und Inhalte des Rehabilitationssports am Wohnort

Der Rehabilitationssport am Wohnort stellt im Rahmen bewegungstherapeutischer Maßnahmen das letzte Glied in der Rehabilitationskette der Tumorpatientin dar. Bereits unmittelbar oder wenige Tage nach der Brustoperation sollte die Patientin eine krankengymnastische Behandlung im Bett und später im Gymnastikraum erhalten haben, um u.a. Kontrakturen im betroffenen Schultergelenk vorzubeugen. Leider erhalten bei Weitem noch nicht in allen Kliniken die Patientinnen eine krankengymnastische Behandlung! Solche Versäumnisse können unter Umständen noch in der anschließenden Rehabilitationsklinik ausgeglichen werden, wo heute zusätzlich oder parallel zur Krankengymnastik eine Sporttherapie mit funktionellen, besonders aber auch spielerischen Elementen auf zu Hause und den Wiedereintritt in den Alltag vorbereitet. Hierauf sollte nun der Rehabilitationssport aufbauen können oder jene Patientinnen, die noch gar keine Bewegungsangebote erhalten haben behutsam an die Bewegung heranführen. Auch hier werden im Weiteren die zu Beginn genannten Elemente der Lebensqualität Berücksichtigung finden. Damit lassen sich folgende Zielvorstellungen für den - auch von den Kostenträgern unterstützten - Rehabilitationssport formulieren:

1. Psychosoziale Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung
2. Spaß an der Bewegung
3. Verbesserung noch vorhandener Funktionseinschränkungen
4. Verbesserung der allgemeinen Fitness
5. Hinführung zu Freizeitaktivitäten

Diese übergeordneten Ziele müssen nicht in jeder Stunde gleichermaßen Berücksichtigung finden. Jede Gruppe setzt sich aus anderen Frauen mit anderen Erfahrungen und anderen Vorstellungen zusammen. Und auch nicht jede Übungsleiterin oder jeder Übungsleiter ist für alle Bereiche gleichermaßen geeignet oder auch begabt. So sollte die Gruppe nach Möglichkeit selbst- oder mitbestimmen können, was sie gerade bevorzugt. Insgesamt stellen diese Ziele jedoch eine gute Orientierungshilfe dar.

Sport
Die psychosoziale Unterstützung stellt eine ganz wesentliche Hilfe bei der Krankheitsverarbeitung dar. Hierin zeigt sich auch der ganzheitliche Ansatz, der den Rehabilitationssport auszeichnet. Kommunikation und soziale Interaktion lassen sich durch gemeinsame Bewegungsaufgaben, kleine und große Spiele, Partner- und Gruppenübungen mit und ohne direkten Körperkontakt initiieren. So wird auch gegenseitiges Vertrauen geschaffen. Regelmäßige Gesprächs- und Reflektionsphasen gehören zu den festen Bestandteilen einer Sportstunde. Hier wird nicht nur über die Krankheit gesprochen, sondern auch von ihr abgelenkt. Ganz wichtig sind hierbei auch Entspannungsübungen im Sinne einer psychophysischen Regulation. In solchermaßen zusammengewachsenen Gruppen wird später kaum noch ein Thema ausgespart bleiben, so dass hier auch relativ unbefangen über das Sterben und den Tod gesprochen werden kann. Wie in anderen therapieorientierten Sportgruppen zeigt sich auch in den KrebsnachsorgeSportgruppen, dass Gesundheit alleine für eine überdauernde Motivation nicht ausreicht. Es muss auch "Spaß" machen, Spaß an der Bewegung, aber auch Spaß, gerade in dieser Gruppe teilzunehmen. Aus diesem Grunde muss das Programm abwechslungsreich sein und Möglichkeiten zum Sammeln neuer Bewegungserfahrungen oder auch zum Experimentieren einräumen. Hier kann eine geschickte Musikauswahl zusätzlich motivieren. Andererseits möchte die Mehrzahl der Teilnehmerinnen regelmäßig auch zweckgymnastische Übungen machen, sozusagen als ein "Pflichtprogramm", das ganz gezielt Defizite im funktionellen Bereich berücksichtigt. So tragen ausgewählte Übungen zur Beweglichmachung im Arm-/ Schulterbereich zur Verbesserung noch vorhandener Funktionseinschränkungen bei. Übungen zur allgemeinen Fitness sollten - wie bei Gruppen gleichaltriger Nichtbetroffener - nicht fehlen. Hier gilt es Ausdauerformen zu wählen, die für alle durchführbar sind und sich nicht mit einigen "Runden in der Halle" begnügen. Ein intervallförmiges Circuit-Training kommt hier ebenso zur Anwendung wie Basketball- oder andere Ballspiele mit modifizierten Regeln. Überraschenderweise haben in unseren Gruppen auch Step-Aerobic-Formen Eingang gefunden. Sie werden dort gut akzeptiert. Wassergymnastik mit Musik oder auch Schwimmen sind bei den Teilnehmerinnen sehr beliebt, werden jedoch wegen der mancherorts aus Kostengründen geschlossenen Schwimmbäder aus Kapazitätsmangel leider immer seltener angeboten. Schließlich können auch gemeinsam geplante Radtouren, Wanderungen oder auch im Winter Skilanglauf-Angebote dazu führen, dass die Frauen auch für sportliche Aktivitäten außerhalb der Gruppe in der Freizeit angeregt werden.

Ausblick

Verbesserte Therapieformen sowohl in Akut- wie Rehabilitationsklinik führten in den letzten Jahren zu höheren Überlebenschancen für brustkrebsbetroffene Frauen. Ziel aller Bemühungen muss es sein, nicht nur die Überlebensrate sondern auch die Überlebensqualität zu verbessern. Die vorgestellten Ausführungen zum Einsatz des Sports als nicht nur physisches Erlebnis sondern auch psychophysisches Stimulans im Sinne einer sozialen Unterstützung stärken bei genügender Intensität zweifelsohne auch das Immunsystem. Bewegung und Sport dürften somit zur Verbesserung der allgemeinen und spezifischen Abwehrsituation beitragen. Ob solche Gruppen als Durchgangsgruppen zum allgemeinen Sport oder als Dauereinrichtung für die betroffenen Frauen werden, ist dabei unerheblich. Viele Gruppen haben inzwischen auch andere Krebsbetroffene, wie Stomaträger (Personen mit künstlichem Darmausgang), Kehlkopflose oder auch Knochenkrebserkrankte sowie Angehörige und Nichtbetroffene aufgenommen.