Schwerpunkt: Prostatakrebs   
 Prostatakrebs
Interview mit Prof. Otto

Prof. Dr. med. Thomas Otto Prof. Dr. med. Thomas Otto, Klinik für Urologie und Kinderurologie, Lukaskrankenhaus, Neuss
Krebsmagazin: Was gibt es Neues in Hinblick auf das lokal fortgeschrittene und metastasierte Prostatakarzinom?

Prof. Otto: In Hinblick auf das metastasierte Prostatakarzinom ist der Hormonentzug die Standardbehandlung. Aber der Hormonentzug wird mittlerweile sehr differenziert betrachtet. Es gibt exzellent geführte wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, dass die intermittierende Hormonbehandlung Vorteile in Bezug auf die Lebensqualität der Patienten bringt. Die intermittierende Hormonbehandlung wird bei Erreichen eines am PSA (Prostata spezifisches Antigen) ermittelten Nadirs (Tiefpunkt des PSA Wertes) abgesetzt und erst bei einem erneut ansteigenden PSA-Wertes fortgeführt. Ein weiteres Novum in der Behandlung des metastasierten Prostatakarzinoms stellt die Frage dar, ob man die herkömmliche Behandlung mit so genannten LHRH-Analoga durch andere Medikamente, wie z. B. das Östrogen-Pflaster, ersetzen kann.
Hierzu gibt es aktuelle Untersuchungen, die belegen, dass die Behandlung mit sehr niedrig dosierten Östrogenen sowohl im Hinblick auf den Testosteron-Abfall ein sehr günstiges Ergebnis aufweist als auch in Bezug auf die Nebenwirkungen wesentlich besser abschneidet als die herkömmliche Behandlung. Die Östrogen-Pflaster könnten somit die Zukunft der Patienten mit metastasiertem Prostata-Karzinom bestimmen.
Zudem wurde aktuell gezeigt, dass die Gabe von Östrogenen als Pflaster sehr gute Effekte in Bezug auf die Hirn- und Gedächtnisleistung zeigte. Die Forscher stellten fest, dass der herkömmliche Entzug von Hormonen zu mitunter schweren Gedächtnisstörungen führt und dass durch die ersatzweise Gabe von transdermalem Östrogen (Pflasterapplikation) die ursprüngliche Gedächtnisleistung wiedererlangt werden kann. Man kann somit ganz gravierend in Bereiche des Alltags der Patienten positiv eingreifen. Diese aktuellen Forschungsergebnisse lassen die Hoffnung aufkommen, dass man die zum Teil schwerwiegenden Nebenwirkungen des Hormonentzugs umkehren kann.

Krebsmagazin: Was gibt es Neues im Bereich der Chemotherapie?

Prof. Otto: Chemotherapie ist eine Behandlung, die dem Patienten vorbehalten ist, der auf eine Hormonentzugstherapie nicht mehr anspricht. Das setzt voraus, dass der mit Chemotherapie zu behandelnde Patient die verschiedenen Stufen der Hormonbehandlung durchlaufen hat. Ist dies der Fall und der Patient nicht nur gemessen an den Laborwerten, speziell dem PSA auffällig, sondern weist auch verschiedene Symptome wie z. B. Schmerzen auf, so spricht man vom symptomatischen, hormonrefraktären Prostatakarzinom.
Für die Chemotherapie gilt dabei nach wie vor der Grundsatz, dass sie keine schwerwiegenden Nebenwirkungen verursachen darf, wie es für andere Krebserkrankungen, z. B. den Hodentumor toleriert werden kann. Die entsprechende Chemotherapie bei fortgeschrittenem Prostatakarzinom ist eine Palliativtherapie. Eine Standardchemotherapie beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom stellt die Gabe von Docetaxel dar. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass vor allem die Lebensqualität positiv beeinflusst werden kann.
Patienten mit hormonrefraktärem Prostatakarzinom haben in der Regel vielfältige Krankheitssymptome, wie z. B. Harnabflussstörungen, die durch eine minimal invasive Operation behandelt werden können. Darüber hinaus können Schmerzen, wie sie durch Metastasen verursacht werden durch die Gabe von Bisphosphonaten, die den Knochen remineralisieren, positiv beeinflusst werden. Die Bisphosphonate sollten bereits vor Auftreten von Komplikationen gegeben werden, um drohenden Knochenbrüchen vorzubeugen.

Krebsmagazin: Wir danken Ihnen sehr für dieses interessante Interview.